Die Fluchtgeschichte von Joséphine Niyikiza – «Meine Fluchtgeschichte ist eine Liebeserklärung an das Leben»

Joséphine Niyikiza und Désiré Nsanzineza kommen aus Ruanda und leben heute als anerkannte Flüchtlinge mit ihren drei Söhnen in der Schweiz. Sie arbeiten im Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH mit und erzählen an zahlreichen Anlässen über die gemeinsame Flucht vor dem Völkermord. Jüngst ist ihre Geschichte in Buchform erschienen.

«Auf der Flucht getrennt. Die Odyssee einer ruandischen Familie» ist – so die Buchbesprechung – eine Geschichte über Gewalt, Flucht und Integration. Sicher. Und doch ist die Fluchtgeschichte von Joséphine Niyikiza und Désiré Nsanzineza zugleich eine Liebesgeschichte; eine Geschichte der Zufälle, des Glücks und der Zärtlichkeit, und eine Geschichte über die Kraft und den Mut, den Menschen selbst in grauenvollen Momenten unsäglichen Leids zu Tage legen können. «Für mich ist das Buch eine Liebeserklärung, eine Hymne an das Leben», sagt Joséphine Niyikiza. Das war nicht immer so. Ihre ersten Aufzeichnungen übergab sie den Flammen und verbrannte, was sie damals zutiefst schockiert hatte: «Frisch in der Schweiz, während des Asylverfahrens, haben mir viele Leute geraten, meine Fluchtgeschichte aufzuschreiben», erzählt sie nachdenklich. «Also begann ich zu schreiben. Als ich aber las, was ich alles auf der Flucht erlebt hatte, war ich schockiert und sehr verwirrt: Bin ich das wirklich, ist das wirklich meine Geschichte, fragte ich mich. Das ist doch mehr Tod als Leben, und das mit 24 Jahren, das kann doch nicht sein. Also habe ich das Script sofort verbrannt.» Auch Désiré hatte den Plan, ihre unglaubliche zehn Jahre dauernde Suche nach einem sicheren Ort schriftlich festzuhalten. «Wir hatten beide die gleiche Idee, wussten es aber nicht von einander. Und wie umsetzen? Erst 2013, als Désiré endlich in der Schweiz war, und gefragt wurde, ob auch er unsere Geschichte in einem Buch veröffentlichen möchte, konnte ich klar ja sagen», erzählt Joséphine.

Zehn Jahre auf der Flucht

Der im April 1994 brutal eskalierte Bürgerkrieg in Ruanda überraschte die beiden Ruander aus der Mittelschicht, die wohlbehütet mit Schulbildung und guten Ausbildungsperspektiven aufwuchsen, vollständig. Plötzlich entschied das «T» oder «H» in Joséphines und Désirés Ausweispapieren über Leben und Tod, plötzlich waren Beziehungen zu Nachbarn von tödlicher Gefahr. Jugendträume und Ausbildungsziele nahmen ein jähes Ende, jetzt ging es nur noch ums nackte Überleben.

Die beiden Kriegsvertriebenen lernten sich erst richtig auf der Flucht kennen. Sie trafen sich per Zufall in der Grenzstadt Buvaku in der Demokratischen Republik Kongo und waren schliesslich knapp zehn Jahre zusammen auf der Flucht in der Demokratischen Republik Kongo, in Kongo-Brazzaville und in Kamerun unterwegs. Viele Male wurden sie unterwegs getrennt, fanden wieder zusammen, irrten – wie zahlreiche andere ruandische Flüchtlinge – wochenlang durch die kongolesischen Regenwälder, überquerten Flüsse, assen Gras, Wurzeln, unbekannte Pflanzen und Kleintiere, fanden hin und wieder Schutz und Nahrung bei den Pygmäen, sahen und überlebten Grausames, an das sie sich nur ungern erinnern oder es ganz verdrängt haben. Nach der gemeinsamen Flucht nach Kamerun 2004, verloren sich Joséphine mit dem Baby Espoir und Désiré mit den beiden im Kongo geborenen Söhnen Patrick und Joyeux nach einem Überfall im kamerunischen Yaoundé für sechs lange Jahre ganz aus den Augen.

Plätzchen für eine Patchwork-Decke

Mit Johanna Krapf, zufälligerweise am gleichen Ort wohnhaft wie Joséphine und Désiré, fand sich eine erfahrene Buchautorin, die sie behutsam interviewte und ihre Berichtfragmente sorgfältig zu einem fesselnden Buchdokument zusammengetragen hat. «Es kam mir zuweilen vor, als würden Joséphine, Désiré und ich Plätzchen für eine Patchwork-Decke stricken, grössere und kleinere, glatte und gemusterte, ein- und verschiedenfarbige», schreibt Johanna Krapf einleitend. Wenn sie spürte, dass das Erlebte die beiden Kriegsvertriebenen zu sehr aufzuwühlen schien und Ängste oder Schuldgefühle auslösen konnte, bohrte sie nicht nach. Herausfordernd seien zudem die Richtigkeit der Details und der zeitliche Ablauf, die Chronologie der Geschichte, gewesen, schreibt die Buchautorin. Die unterschiedlichen Erzählkulturen, aber auch das menschliche Gedächtnis, das traumatisierte Menschen oft mit Erinnerungslücken oder Umformungen schützt, sind Gründe hierfür. In Anhörungen während eines Asylprozesses führt dies häufig zu Missverständnissen und kann einen ablehnenden Entscheid begründen – widersprüchliche Aussagen heisst es dann. Joséphine erinnert sich: «Ich kam 2004 mit dem jüngsten Sohn Espoir in die Schweiz. Nach meiner Anhörung bekam ich einen negativen Entscheid, weil meine Aussagen als unglaubwürdig bewertet wurden. In meiner Kultur sind Jahreszahlen nicht so wichtig und vieles verdrängte ich einfach auch, ich war misstrauisch, verstrickte mich dauernd, ich war traumatisiert und unfähig, zusammenhängend zu denken.»

Hilfreiche Rechtsberatungsstelle

Die Rechtsberatungsstelle St. Gallen half ihr schliesslich weiter mit einem erfolgreichen Rekurs gegen den negativen Asylentscheid, mit der Suche nach ihrer Familie und einem Antrag für eine Trauma-Therapie. «Endlich fühlte ich mich verstanden und fasst Vertrauen», erzählt Josephine. «Schade, dass viele Asylsuchenden nicht mehr Informationen über die Rechtberatungsstellen erhalten. Diese Leute waren für mich die wichtigsten und hilfreichsten und dazu noch freundlich und menschlich. Sie sind zudem realistisch und in allem wirklich kompetent.» Dank des Roten Kreuzes wurden die beiden älteren Kinder gefunden und kamen 2006 in die Schweiz. 2013 durfte auch Désiré in die Schweiz einreisen. Der sichere Ort war endlich gefunden, die Familie wieder vereint, der Integrationsprozess begann. Heute arbeitet Joséphine als Pflegefachfrau, Désiré als Logistiker, die Söhne sind entweder noch in der Schule oder in der Lehre. «Im Durchschnitt erzählen wir unsere Fluchtgeschichte zweimal im Monat offiziell an Anlässen,» sagt Joséphine. «Seit das Buch erschienen ist, werde ich jeden Tag auf meine Geschichte angesprochen. Aber es ist für mich heute wie normal, es ist eben meine Geschichte. Ich bin nicht die erste und sicherlich nicht die letzte, die flüchten muss. Niemand flüchtet freiwillig. Deshalb will ich weitergeben, was ich erlebt habe, wenn es anderen hilft.»

Von Barbara Graf Mousa, verantwortliche Redaktorin SFH

Foto: Barbara Graf Mousa / SFH

Download Fluchtgeschichte Joséphine Niyikiza

Johanna Krapf. Auf der Flucht getrennt.
Die Odyssee einer ruandischen Familie. 2016 Chronos Verlag, Zürich. ISBN 978-3-0340-1355-0