Die Fluchtgeschichte von Kanchana Chandran – Den Todesdrohungen in Sri Lanka entkommen

Kanchana Chandran ist 2009 aus Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet. Die Radiojournalistin musste mit ihrem damaligen Mann, der als politischer Reporter für die grösste tamilische Tageszeitung schrieb und deshalb besonders gefährdet war, ihre Heimat sofort verlassen. Heute arbeitet sie auch für die Bildungsabteilung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH und wird ihre Fluchtgeschichte am nationalen Flüchtlingstag, 17. Juni 2017 in Basel erzählen.

«Ich bin am 30. Januar 2009 in der Schweiz angekommen. Dieses Datum hat sich fest in mir eingeprägt aus verschiedenen Gründen: Erstens war es so unglaublich kalt; das habe ich noch nie zuvor erlebt. Zweitens musste ich gleich ins Verfahrens- und Empfangszentrum Kreuzlingen fahren. Es sah für mich aus wie ein Gefängnis. Auch darauf war ich nicht vorbereitet, es war ein großer Schock für mich. Damals waren die Securitas-Leute dort und ich hielt sie für Militärpersonen. Das alles passte so gar nicht zu meinem Bild, das ich von der Schweiz hatte. In Sri Lanka denken die meisten Leute, die Schweiz ist das Land der Menschenrechte, der Demokratie, des Friedens. Auch meine Journalisten-Kollegen dachten so und so hatte ich die Vorstellung, dass ich in der Schweiz nun endlich in Sicherheit sei und Ruhe vor Verfolgung, Befragungen und misstrauischen Behörden hätte. Mein Gott, Ich war ja noch so jung, kaum zwanzig Jahre alt, voller Illusionen, ohne wirkliche Lebenserfahrung! Das war übrigens auch mein Gepäck auf meiner Flucht in die Schweiz: Grosse Hoffnungen, Liebe, Freude und Aufregung im Herzen, dass ich nun endlich – frisch verheiratet – mit meinem Mann ein neues Leben aufbauen kann in einem sicheren Land, wo man alles frei denken und schreiben kann und ich mein Studium beenden kann. Deshalb waren auch alle meine Dokumente im Koffer, ein paar Kleider, aber zum Beispiel keine Fotos, nur die Erinnerungen an meine Kindheit und an meine geliebte, viel zur früh verstorbene Mutter.

Wie und warum bin ich aus Sri Lanka geflüchtet?

Mein Mann und ich arbeiteten beide als Journalisten in Colombo; er als politischer Reporter bei der größten tamilischen Tageszeitung, ich bei einer freien Radiostation neben meinem Studium. Damals war der Krieg in Sri Lanka auf dem Höhepunkt und die Repressionen gegen die Minderheiten nahmen täglich zu.

Mein Mann gehört der tamilisch-sprechenden muslimischen Minderheit hat, der dritt grössten Bevölkerungsgruppe in Sri Lanka. Die sogenannten Moors sind vor Generationen aus Saudi Arabien eingewandert, ich bin Tamilin. Es gab massiven Menschenrechtsverletzungen zwischen der Regierung und den Rebellen, über die wir natürlich als Journalisten berichteten. Mein Mann erhielt Todesdrohungen, wurde verfolgt, musste sich dauernd verstecken. Er veröffentlichte diese Bedrohungen, konnte sie belegen und beweisen, und auch sein Arbeitgeber stand öffentlich ein für eine Minderheitspolitik, die der Regierung nicht genehm war. Doch der Druck nahm noch zu. Mein Mann musste untertauchen, lebte in ständiger Angst ermordet zu werden. Auch meine Radiostation verlor die Lizenz wegen ihrer Berichterstattung gegen die Regierung. Noch heute ist die Reflexverfolgung in Sri Lanka sehr stark. Also waren seine Familie, seine Freunde und natürlich ich selber ebenfalls im Fokus. Wir lebten in ständiger Angst, entführt zu werden, in einen Hinterhalt zu geraten und schließlich wie so viele schon in einem Kerker zu verschwinden oder ermordet zu werden. Es wurde immer klarer, wir mussten unsere Heimat so rasch wie möglich sofort verlassen. 2008 war es noch möglich, bei der Schweizer Botschaft in Sri Lanka vorzusprechen und einen Antrag auf ein Humanitäres Visum zu stellen. Da haben wir gemacht und nach sechs Monaten konnte mein Mann ausreisen. Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet. Ich bekam dann im Rahmen des Familiennachzugs ein halbes Jahr später ein Humanitäres Visum und konnte nachreisen. Wir mussten keine gefährliche Route wählen, waren keinem Schlepper ausgeliefert und waren mit dem Visum in der Tasche einigermassen geschützt. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn die psychische Belastung, alles verlassen zu müssen, nicht zu wissen, was einem erwartet und wie es den Zurückgebliebenen geht, das habe ich wirklich unterschätzt. Daran arbeite ich innerlich noch heute und das wird wohl nie ganz abgeschlossen sein. Aber jetzt lebe ich hier, arbeite als Migrationsfachfrau, stehe mitten in meinem neuen Leben, inzwischen geschieden, aber zusammen mit meiner siebenjährigen Tochter. Sie ist die Zukunft!»

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH
Foto © Ephraim Bieri

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