Die Fluchtgeschichte von Mikele Zeray – Eine riskante Reise von Eritrea bis in die Schweiz

Mikele Zeray fand im Mai 2014 in der Schweiz Zuflucht. Wie so viele seiner Landsleute hat er dafür Wüste, Meer und Berge durchqueren müssen. Seine 14 Monate dauernde Flucht führte ihn schliesslich in den Kanton Tessin nach Chiasso, wo er im Empfangs- und Verfahrenszentrum ein Asylgesuch einreichte. Der 26jährige lebt heute in Lausanne und arbeitet im SFH-Bildungsteam mit.

Es war nie seine Absicht gewesen aus Eritrea zu flüchten. Bis zu dem Moment als ihn die eritreischen Behörden zu Unrecht beschuldigten, dass er einen Fluchtversuch unternommen hätte. Dafür wurde er für drei Monate inhaftiert und erlitt Erniedrigungen und Folter. Wieder in Freiheit diente er neun Monate in der Armee, bevor er seinen Militärdienst aus gesundheitlichen Gründen unterbrechen durfte. Das Regime zwang Mikele Zeray, seine Waffe mit nach Hause zu nehmen. Das wies er zurück: «Ich habe sechs jüngere Geschwister und wir lebten alle unter einem Dach. Ein Unfall mit der Waffe kann schnell passieren; doch damit habe ich mich geweigert, einen Befehl der Regierung auszuführen.»

Nach mehrmaligen Festnahmen durch die eritreischen Sicherheitskräfte, die ihn zudem zwangen, junge Frauen und Männer im Wehrdienstalter in seinem Dorf zu rekrutieren, entschloss er sich im März 2013 zur Flucht. Er kontaktierte einen Schlepper. Dessen Koordinaten hatte ihm ein Freund vermittelt, der im Exil in Israel lebt: «Der Schlepper hat mich angerufen, um zu vereinbaren, dass man sich im Süden Eritreas treffe. Er sprach codiert, damit er nicht geschnappt wurde», erklärt Mikele Zeray. «Wir sind die ganze Nacht bis zur äthiopischen Grenze marschiert, von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Einmal hielt uns die äthiopische Armee an. Sie hat uns direkt in ein Flüchtlingscamp gebracht im Norden Äthiopiens.» Dort harrte Mikele Zeray sechs Monate unter schwierigen Lebensbedingungen aus, ohne dass sich eine Zukunftsperspektive abzeichnete. Dank seines Beziehungsnetzes konnte er einen anderen Schlepper kontaktieren, um in den Sudan zu zu gelangen.

Durchquerung der Wüste und Treiben auf dem Meer

In Khartum fand Mikele Zeray mehrere Monate Unterschlupf bei seiner Kusine, bevor er sich auf den Weg nach Libyen aufmachte.

Eine Etappe seiner Flucht, die er nie vergessen wird: «Es gab sieben Pick-ups um über 120 Personen zu transportieren. An mehreren Stellen sind die Fahrzeuge im Sand stecken geblieben, und wir mussten sie über die Dünen stossen. Wegen der Hitze, den Sandstürmen, dem Mangel an Wasser und Essen waren unsere Körper am Kochen.» Doch in diesen Momenten der Verzweiflung gab es glücklicherweise auch einmal ein Lichtstrahl: «Einmal haben wir alle unsere Socken zu einem Fussball zusammen gebunden. Und wir spielten. So konnten wir für einen kurzen Moment vor der Zerbrechlichkeit des Lebens einfach die Augen schliessen.» Während seiner gefährlichen Reise verlor Mikele Zeray mehrere seiner Kumpels. «Einige meiner Freunde haben das Mittelmeer ein paar Tage vor mir durchquert, um nach Europa zu kommen. Später habe ich erfahren, dass ihr Boot gesunken ist», erzählt er bewegt. «Ich selber hatte sehr viel Glück. Als ich das Meer überquerte waren 200 Personen mit mir ins gleiche Boot eingepfercht. Nach sechs Stunden hörte der Schiffsmotor auf zu laufen und liess sich auch nicht wieder neu starten. Glücklicherweise kam die italienische Marine und hat uns auf ein grosses Schiff gebracht. Eine Stunde später kam ein Gewitter auf. Ich habe noch nie in meinem Leben so hohe Wellen gesehen. Das Schiff verharrte bis sich das Meer beruhigte. Wenn die italienische Marine nicht zu diesem Zeitpunkt gekommen wäre, wären wir wohl alle tot.»

Schliesslich legte die Küstenwache in Sizilien an. Mikele Zeray setzte seine Route fort bis in die Schweiz. Der junge Mann reichte in Chiasso im Kanton Tessin im Verfahrens- und Empfangszentrum ein Asylgesuch ein. Danach wurde der dem Kanton Waadt zugeteilt und erhielt nach mehreren Monaten Wartezeit den Flüchtlingsstatus. Heute arbeitet Mikele Zeray im SFH-Bildungsteam mit und erzählt rückblickend regelmässig seine Fluchtgeschichte.

Wie für viele Flüchtlinge ist sein Lebensweg auch nach dem Erhalt einer Aufenthaltsbewilligung nicht frei von Tücken: die Sprache perfektionieren, eine Arbeit finden, sich mit den schweizerischen Sitten und Gebräuchen zurechtfinden und das alles mit der Belastung einer Entwurzelung. «Es ist nicht einfach, man muss alles von Beginn weg neu lernen wie ein Kind. Aber ich möchte ein unabhängiges Leben führen können.»

Von Karin Mathys, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH
Traduit de l’allemand par Barbara Graf, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH
Foto: Mai 2017 © Karin Mathys / OSAR

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