Wenn der Friedensprozess zur Lebensgefahr wird

Mortaza Shahed ist von Beruf Kameramann und hat in Kabul für die Reintegrations- und  Wiederversöhnungsprogramme dokumentarisch gefilmt. Doch dann wurde ihm die afghanische Regierung zur grössten Bedrohung. Weder die in den Friedensprozess involvierten ausländischen Armeen noch Staatengemeinschaft noch die internationalen Organisationen vermochten sein Leben und dasjenige seiner Familie genügend zu schützen. 2014 ist er über Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet.

«Ich bin im Exil in Iran aufgewachsen, in Isfahan. Wir mussten zu Beginn der 1980er Jahre aus Afghanistan fliehen, als mein Onkel, der Bruder meines Vaters, von der damaligen afghanischen Regierung getötet wurde, weil sie ihn für einen bekannten hohen Offizier hielten. Als sich die Situation in Afghanistan verbesserte, reiste ich, damals16jährig, mit meiner Familie im Jahr 2003 in mein Heimatland zurück. Wir bauten uns also wieder eine neue Existenz in der Hauptstadt Kabul auf. Bereits in Iran hatte ich mich zum Kameramann und Dokumentarfilmer ausgebildet und in Südkorea hierfür einen Kurs gemacht.

In Afghanistan arbeitete ich sieben Jahre als Kameramann für das Fernsehen, für die Werbung, machte Videoprojekte für die afghanische Armee und Dokumentationen über alles Mögliche, denn ich hatte auch eine private Filmproduktion. Ich arbeitete unter anderem auch für die US-Armee an einem Filmprojekt, das die Waffenniederlegung der Taliban und ihre Teilnahme am Friedensprozess dokumentieren sollte. Dazu muss man den Hintergrund verstehen: Es gab ab 2010 diese Reintegrations- und Wiederversöhnungsprogramme mit dem Hohen Friedensrat, den der damalige Präsident Hamid Karzai angestossen hatte, um mit den Talibans zu verhandeln. Schon im September 2011 wurde jedoch der Vorsitzende des Hohen Friedensrates Burhanuddin Rabbani ermordet. Die Lage war sehr instabil und gefährlich.
Ich interviewte also einen dieser Taliban-Offiziere in seinem Haus in Kandahar, als dieser plötzlich verlangte, dass ich die Kamera stoppe. Er wolle jetzt sagen, was er wirklich denke. Und er baute sich auf, verhöhnte den Friedensprozess, sagte, der Friede bringe für ihn gar nichts. Er sei ein Taliban und bleibe es auch, denn nur so verfüge er über Macht. Nur wenn er von diesem Friedensprozess auch profitieren könne, dann mache er mit.
Ich hatte die Kamera versteckt laufen lassen. Mein Team und ich vertrauten der damaligen Regierung und ich fand es wichtig, dass sie die Wahrheit erfahren. Doch von diesem Moment an war ich nicht mehr sicher. Ich erhielt Drohanrufe, erlebte eine gescheiterte Entführung und vieles mehr, an das ich mich nicht gerne erinnern möchte. Sehr schlimm daran war für mich zu erkennen, dass die Hauptbedrohung von der afghanischen Regierung ausging, weil sie selber in dieses Ereignis involviert war! Und dass mich und meine Familie niemand schützen kann, weder die ausländischen Soldaten, noch die Hilfsorganisationen.

Ich war schutzlos und die Bedrohungen gingen immer weiter.

Wir mussten also so schnell wie möglich weg aus Afghanistan. Der einfachste Weg damals war über Sri Lanka, denn da konnten wir ohne Visum einreisen und als Touristen drei Monate bleiben. Ich bin mit meiner Frau, unserer kleinen Tochter und meinem jüngeren Bruder geflüchtet. Wir liessen uns vom UNHCR registrieren und warteten auf einen Interviewtermin. In dieser Zeit befanden sich 500 bis 600 Afghanen in Colombo. Wir mussten uns selber eine Unterkunft suchen und lebten zusammen in einem kleinen Zimmer. Als die sri-lankische Regierung alle afghanischen Männer festnehmen liess, um sie zu deportieren, flüchteten wir aufs Land nach Negombo. Ich schrieb zuerst eine E-Mail an die amerikanische Botschaft, erhielt jedoch die Antwort, dass sie mir nicht helfen könne und keine Verantwortung übernehmen könne. Also versuchte ich es weiter und bat per E-Mail bei der dänischen, deutschen, französischen, kanadischen, schwedischen und schweizerischen Auslandvertretung um ein Visum. Niemand antwortete, nur die Schweizer Botschaft teilte mir mit, dass es eine kleine Chance auf ein Humanitäres Visum gäbe. Ich brauchte viel Zeit, um alle Formulare auszufüllen und war sehr froh, hatte ich alle meine Dokumente, Beweise und den Laptop dabei.

Nach 20 Tagen erhielt ich die Information, dass der Taliban-Offizier, den ich interviewt hatte, vor seinem Haus von den Taliban ermordet worden war, weil er als Spion und Verräter galt. Eine Stunde später bekam ich einen Anruf von der Schweizer Botschaft. Was war passiert? Die Ermordung des Taliban-Offiziers ist auf einer Website publiziert worden. Das war vermutlich mein Glück. Ich war total verunsichert, dass mich die Schweizer Regierung unterstützen will, ich konnte es kaum glauben! Denn nun bekamen wir ein Humanitäres Visum und konnten nach ein paar Tagen alle zusammen in die Schweiz reisen. In Zürich wurden wir von Mitarbeiterinnen des schweizerischen Aussendepartements abgeholt und in das Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen gebracht. Dort reichten wir ein Asylgesuch ein. Es dauerte ein gutes Jahr, bis wir den Entscheid erhielten – den Status vorläufig Aufgenommen.

Wie kann das sein? Ich muss sagen, ich war sehr enttäuscht nach diesem Entscheid. Denn ich erhielt von der Schweizer Botschaft in Sri Lanka ein Visum in die Schweiz aus humanitären Gründen. Ich kann beweisen, dass ich bedroht bin in Afghanistan, weil ich für den Friedensprozess einen hohen Taliban-Offizier interviewt habe, der offline, als die Kamera (vermeintlich) nicht mehr lief, klar gesagt hat, dass er weiterhin Taliban bleiben werde und den ganzen Friedensprozess verabscheut. Ich habe Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Und  Ich habe Herrn Gattiker und Frau Sommaruga einen Brief geschickt im April. Ich will wissen, warum man Afghanistan als sicheres Land einstuft und gleichzeitig das Schweizer Aussendepartement von Reisen nach Afghanistan abrät. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, die vertrauten Menschen, alles, was man kennt. Wir sind ja auch aus Iran zurückgekehrt nach Afghanistan. Wir lebten 11 Jahre gut und sicher in Kabul, doch jetzt ist die Situation sehr gefährlich und unsicher.»

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

Foto: © Ephraim Bieri

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