Geschichten des Ankommens – Hojat Hameed – Ein Geigenlehrer macht Swatch-Uhren

Vom Goldschmied-Assistenten im Iran zum Profimusiker mit Geigendiplom und Rockband in Afghanistan bis zum Uhrenmacher in Ausbildung in der Schweiz: Hojat Hameeds Integrationsprozess ist so vielseitig, anspruchsvoll und spannend wie sein privates und berufliches Leben.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

«Ich dachte mir, ich habe nichts zu verlieren, ich bekomme diese Lehrstelle ja sowieso nicht. So war ich an diesem Prüfungstag überhaupt nicht nervös und es funktionierte», strahlt der 26jährige Hojat Hameed. In der Tat, er hat im Sommer 2017 die Vorprüfung für eine Uhrmacherlehre souverän bestanden. Inzwischen ist auch die Probezeit vorbei und somit sind die Weichen zur dreijährigen Lehre Uhrenmacher Produktion bei ETA SA Manufacture Horlogère Suisse in Grenchen definitiv gestellt.

Dabei lebt Hojat Hameed, der fliessend Deutsch mit solothurnischem Akzent spricht, erst seit gut drei Jahren in der Schweiz. Er ist Afghane, in Laghman geboren, ist jedoch im Iran aufgewachsen. Wegen des Kriegs lebte seine Familie damals im Exil in Isfahan. Mit 13 Jahren sah er zum ersten Mal sein Heimatland. Denn in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende gab die politische Lage in Afghanistan Anlass zur Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft. Viele Familien kehrten aus dem Exil in den Nachbarländern Iran und Pakistan in ihre Heimat zurück und wollten sich am Aufbau und Friedensprozess beteiligen. So auch Hojat Hameeds Familie, die sich wieder in der Hauptstadt Kabul niederliess. Dort beendete Hojat Hameed die Schule und bildete sich anschliessend an der Musikhochschule (Afghanistan National Institute of Music) zum Geigenlehrer aus. Er unterrichtete, komponierte unter anderem für das Afghan Youth Orchestra und arbeitete auch als Dirigent. Gleichzeitig spielte er in verschiedenen bekannten afghanischen Musikformationen alle Stile, von traditioneller, folkloristischer Musik über klassisch bis zu moderner, von Pop und Rock inspirierter Musik. «Ich war der erste Afghan Rock Botschafter in den USA und habe die Afghan Rockband White Page gegründet.»

Musiktournee in der Schweiz

Viele afghanische Musikprojekte genossen damals finanzielle und ideelle Unterstützung aus dem Ausland. Das vom Krieg und Vertreibung gebeutelte afghanische Volk sollte endlich wieder seine reiche kulturelle Vielfalt entfalten und leben können, Kunstschaffende gefördert werden. Afghanische Musikerinnen und Musiker wurden ins Ausland auf Tourneen eingeladen, ihre Produktionen auf Tonträgern verbreitet. Davon profitierten auch Hojat Hameed und drei Musikerfreunde: «Als Konzertmeister spielten ich und meine drei Freunde mit dem Afghan Youth Orchestra in den USA auf grossen Bühne wie Carnegie Hall und Kennedy Center und auch im Weissen Haus und 2014 führte uns eine Tournee in die Schweiz.»

Seit dem gescheiteren Friedensprozess gehört Afghanistan wieder zu den unsichersten Ländern der Welt, in dem beinahe täglich Zivilisten Opfer von Bombenanschlägen, Entführungen und tödlichen Kampfhandlungen zwischen rivalisierenden Warlords, den Taliban, dem IS, der Regierung und der internationalen Militärallianz werden. «Als Musiker in Afghanistan zu leben braucht viel Mut. Während des Krieges wurde den Leute in den Kopf eingedrängt, dass Musik „Haram“, also sündenhaft und deshalb verboten ist», erzählt Hojat Hameed. «Afghanen hören gerne traditionelle Musik, Rockmusik ist für sie ein Tabu. Sie haben uns immer Satanisten gerufen. Sie haben uns vorgeworfen, dass wir von den westlichen Ländern unterstützt werden, um die Kultur und den Glauben der Leute zu beeinflussen.» Die jungen Musiker wurden von der Regierung verwarnt. Die Situation war so schlimm, dass sie nur noch eine Wahl hatten: Alles bisher Erreichte aufzugeben und ihre Familien und Heimatland zu verlassen.

Aus diesem lebensbedrohlichen Alltag mit einem legalen Visum in die sichere Schweiz zu gelangen, das war für die vier zwanzigjährigen, talentierten Musiker eine schier unglaubliche Chance auf ein neues Leben in Sicherheit. Sie baten um Asyl.

Dolmetschen für Asylsuchende

Drei der vier Musikerfreunde kamen am 1. August 2014 in die Schweiz. Sie verbrachten einen Monat im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen bis sie dem Kanton Solothurn zugeteilt wurden. «Wir hatten Glück und lebten von Anfang an zusammen in Solothurn in einer Wohnung, obwohl wir nicht mehr als unbegleitete minderjährige Asylsuchende galten», erzählt Hojat Hameed. Während der Wartezeit bis zur entscheidenden zweiten Anhörung beim Staatssekretariat für Migration SEM konnte er einen Deutschkurs besuchen, wegen des laufenden Asylverfahrens allerdings nur für das Sprachniveau A1. Dank Eigenstudium und Unterstützung engagierter Schweizerinnen und Schweizern schaffte er es, sein Deutsch bis zum Sprachniveau B1 zu verbessern. «In dieser Zeit des Wartens ist es sehr wichtig, dass man sich selber um die Sprache bemüht und sich irgendwie Möglichkeiten sucht, um zu sprechen», meint er rückblickend. «Natürlich spielt das eigene Talent für Sprachen auch eine wichtige Rolle. Das ist den einen gegeben, den anderen weniger.» Sein Talent für Sprachen – spricht er doch fliessend die zwei persischen Sprachen Farsi und Dari, die afghanische Sprache Paschtu, ein wenig Arabisch und Englisch – nutzte er nicht nur für sich alleine. «Ich konnte deshalb in Solothurn in einer Asylunterkunft als Dolmetscher freiwillig zehn Monate arbeiten.» Er lernte dadurch viele Menschen kennen, musste sich täglich in Deutsch verständigen und verstand mit jedem Tag die gesellschaftlichen und politischen Strukturen seiner neuen Heimat besser.

Entscheidendes Motivationsschreiben

Der definitive Asylentscheid kam nach einem Jahr und drei Monaten. «Ich erhielt das Schreiben am 1. April 2016. Zuerst dachte ich wirklich, es sei ein Scherz!», lacht der angehende Uhrenmacher. Es war kein Scherz. Es war der Türöffner für eine neue Lebensperspektive. Hojat Hameed und sein zwei Musikerfreunde wurde der Aufenthaltsstatus B aus politischen Gründen zugesprochen.

Für den 24jährigen begann eine intensive Zeit, die vergleichbar ist, mit der schwierigen beruflichen Integration junger Menschen ohne Schulabschluss und ohne berufliche Erfahrung: zu alt für die obligatorische Schulzeit, zu alt für eine Lehrstelle, (noch) fehlende Sprachkompetenz in Deutsch für eine schulische Weiterbildung, kein Geld für eine private Schule oder Weiterbildung. In Hojat Hameeds Fall kam dazu, dass es für seinen erlernten Beruf als Geigenlehrer kaum eine Nachfrage gibt – also was tun?

Das damals neue Integrationsprogramm im Kanton Solothurn kam Hojat Hameed sehr entgegen. Zusammen mit anderen Asylsuchenden lernte er während eines Jahres das Schweizerische Schul- und Ausbildungssystem kennen und erhielt für die Suche nach einem Ausbildungsplatz Unterstützung. «Ich habe früher als ich in Iran war als Goldschmied gearbeitet. Deswegen habe ich mir gedacht, dass Uhrmacher ein verwandter Beruf ist», erklärt Hojat Hameed seine Berufswahl «Und ich bin eben genauso Uhren-verrückt wie mein Vater», fügt er lachend hinzu. Schon mit sechs Jahren musste Hojat neben dem Schulbesuch arbeiten. Er half seinem Vater bei der Goldschmiede-Arbeit, lernte dabei viele Handgriffe und feinmechanische Kniffe, die ihm heute als angehender Uhrmacher zu Gute kommen.

Die Organisation regiomech espace solothurn, die sich auf Arbeitsintegration spezialisiert hat, half ihm, einen Überblick über die kantonale und schweizerische Uhrenproduktion zu erhalten und die Firmen direkt für einen Schnuppertag anzufragen. Immer wieder hiess es seitens der Arbeitgeber, er sei bereits zu alt für eine Lehre. Bereits hatten ihm sechs Uhrenfirmen abgesagt. «Dank meiner Deutschlehrerin klappte es dann schliesslich, sie setzte sich enorm für mich ein», erzählt Hojat Hameed und ahmt mit der Hand am Ohr einen Telefonhörer nach: «Gebt ihm doch wenigstens eine Chance! rief sie fast wütend in den Telefonhörer.» Er lacht, die Erleichterung und die Freude, diese Lehrstelle bekommen zu haben, ist ihm auch heute noch anzusehen. «Eigentlich hatte ich es bereits aufgegeben und nicht mehr geglaubt, dass es doch noch klappt mit einer Uhrmacher-Lehre.»

Sein ursprünglicher Beruf scheint auf den ersten Blick kaum mit seiner aktuellen Ausbildung verwandt zu sein – oder hat ein Geigenlehrer etwas gemein mit einem Uhrmacher? «Vielleicht die flinken Finger?» fragt Hojat zurück. «Doch wie gesagt, vermutlich ist der Grund, dass ich es schaffte, diese Lehrstelle zu bekommen, eher der Beruf meines Vaters.»

Afghanischer Hardrock

Die Musik aber wird weiterhin einen festen Platz in seinem Leben einnehmen. «Jetzt spiele ich mit einer schweizerischen Band, sie heisst Aging Skies, und mit einem Quartet aus Solothurn mit dem Namen Solipop.» Die Geige tauscht Hojat Hameed in diesen Bands mit der elektrischen Gitarre aus. Bereits haben sie in einigen bekannten Lokalitäten in Basel, Bern und Zürich gespielt. «Wir erhalten viele Auftrittsangebote, das freut uns sehr», sagt Hojat Hameed.