Geschichten des Ankommens – Adam Khedrawy – «Die Schweiz hat meine Familie aufgenommen – das ist das Wichtigste für mich»

Adam Khedrawy war wegen seiner Aktivitäten zum Schutz der Menschenrechte bedroht und verfolgt worden. Aus diesem Grund wurde ihm im Dezember 2017 in der Schweiz Asyl gewährt. Der 44-jährige Akademiker aus Damaskus lebt heute in Bulle im Kanton Freiburg und setzt alles daran, sich sozial und beruflich zu integrieren.

Von Karin Mathys, Redakteurin bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

«Die Ausübung meines Berufs wurde immer gefährlicher, denn zu meinen Mandanten zählten auch Gegner des Regimes von Bashar Al-Assad», erklärt Adam Khedrawy, ehemals Anwalt für Menschenrechte in Syrien. Neben der Verteidigung von Demonstranten nahm er auch selbst an Protesten teil, beispielsweise an einem Sitzstreik am Gericht von Damaskus, der im Sommer 2011 von rund fünfzig Anwälten organisiert worden war. «Wir wurden auf unterschiedliche Weise zur Zielscheibe der Regierung: Einige meiner Kollegen wurden getötet, gefoltert oder werden noch immer vermisst, andere dagegen haben das Land verlassen oder sind in Damaskus geblieben, wo sie nun versuchen, sich unauffällig zu verhalten. Meine Kanzlei, die sich in der Innenstadt befand, wurde überfallen, verwüstet und geplündert. Ich wurde mehrfach bedroht, bis ich mich entschloss, zu fliehen.»

Von der Flucht aus Syrien zum Asylgesuch in der Schweiz

Nachdem Adam einige persönliche Gegenstände gepackt hat, verlässt er Syrien in Richtung Türkei – zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Maher. Sie treffen Mahmoud, einen weiteren Bruder von Adam, der nach Drohungen des syrischen Sicherheitsdienstes ebenfalls gezwungen ist, ins Exil zu gehen, und beantragen gemeinsam bei der Schweizer Botschaft in Istanbul ein humanitäres Visum. Die Schweizer Behörden lehnen ihren Antrag jedoch kurzerhand ab mit der Begründung, es bestehe keine Gefährdung mehr für die Familie, da sie sich in der Türkei in Sicherheit befinde.

Adam, der seine Rechte kennt und entschlossen ist, diese zu verteidigen, legt mit Unterstützung von Nicola, einer befreundeten Journalistin in Bern, die er 2004 in Damaskus kennengelernt hat, als sie dort Arabisch studierte, Einspruch ein. «Sie hat mich, als wir in Istanbul waren, bei den Verwaltungsverfahren sehr unterstützt. Nicola ist eine sehr gute Freundin: Sie ist immer für mich und meine Familie da», teilt Adam mit. Nach mehreren langen Wochen des Wartens führen die Bemühungen endlich zum Erfolg. Im November 2015 erhalten Adam, seine Mutter und seine beiden Brüder die Bewilligung, legal in die Schweiz einzureisen.

Die Journalistin holt die Familie am Flughafen Zürich ab und bringt sie zum Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel, einer von fünf Einrichtungen, in denen es möglich ist, ein Asylgesuch für die Schweiz zu stellen. Vor Ort tragen Maher, Mahmoud, Adam und deren Mutter die Gründe vor, die sie veranlasst haben, ins Exil zu gehen. «Die erste Befragung fand zwei Wochen nach unserer Ankunft statt. Zu diesem Zeitpunkt beantragte ich, einem französischsprachigen Kanton zugewiesen und nicht von meiner Familie getrennt zu werden. Mein Bruder Maher leidet an Kinderlähmung, und meine Mutter ist schon älter. Sie haben Schwierigkeiten, sich alleine in der Öffentlichkeit zu bewegen, und sind auf mich angewiesen», erzählt Adam. Zum grossen Glück für alle Beteiligten wird der Antrag auf Familienzusammenführung von den Behörden berücksichtigt, und die Familie wird dem Kanton Freiburg zugewiesen. Zunächst lebt sie für zwei Monate in einer Unterkunft in Enney, im Februar 2016 zieht sie dann in eine Wohnung in Tour-de-Trême. Nach einer zweiten Befragung zwei Jahre später durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) erhalten die drei Brüder den Ausweis B, der besagt, dass gemäss dem Genfer Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge ihr Flüchtlingsstatus anerkannt wird. Die Mutter der drei Brüder erhält dagegen trotz Einspruch durch die Juristen der Caritas einen Ausweis F (vorläufige Aufnahme). Mit diesem Status kann sie nicht dieselben Rechte beanspruchen wie anerkannte Flüchtlinge, insbesondere was die Reisefreiheit angeht. So ist es ihr beispielsweise untersagt, ihre drei anderen im Ausland lebenden Kinder zu besuchen: eine Tochter in Kairo, eine andere Tochter in Damaskus und einen Sohn in Istanbul.

Ein herzlicher Empfang in Bulle

Adam knüpft sehr schnell Kontakt zur Bevölkerung. «Die Bürgerinnen und Bürger von Bulle haben mich mit offenen Armen empfangen. Ich war niemals Opfer einer unangebrachten oder rassistischen Bemerkung», sagt er mit grosser Dankbarkeit. «In der Region gibt es zahlreiche Vereine, die sich für Migrantinnen und Migranten einsetzen», fährt er fort. «Dank Lisanga kann ich beispielsweise meine Sprachkenntnisse verbessern. Ich habe ein Tandem mit einer Person gebildet, die mir Französisch beibringt und ich ihr im Gegenzug Arabisch. So kommt jeder auf seine Kosten», erklärt er schmunzelnd.

Dank dieses Vereins konnte er seine Französischkurse ergänzen, die zunächst sechs Monate lang von der ORS-Gruppe, einem Privatunternehmen für die Betreuung und Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen im Kanton Freiburg, durchgeführt wurden. Mit der Organisation verschiedener Aktivitäten, von Sprachkursen bis Fahrstunden, kommt Lisanga eine wichtige Rolle bei der Integration von Migrantinnen und Migranten in Bulle zu. Sie setzt sich auch dafür ein, den Kontakt unter den verschiedenen Gemeinschaften zu erleichtern, indem sie zum Beispiel zu gemeinsamen Mahlzeiten in geselliger Runde oder kreativen Workshops einlädt.

Der Aufbau guter Beziehungen zur Zivilgesellschaft reicht aber nicht aus, um die Spuren des Krieges zu verwischen und die Belastungen des Exils zu vergessen. «Man darf sich nichts vormachen. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann bräuchten wir nach dem, was wir erlebt haben, alle psychologische Hilfe», erinnert Adam. Denn trotz der Möglichkeit, in der Schweiz in Sicherheit zu leben, ist der Alltag der Vertriebenen durch zahlreiche Verluste gekennzeichnet. In der Familie Khedrawy leidet die Mutter am meisten. «Es gefällt ihr in Bulle, sie fühlt sich in Sicherheit und ist natürlich glücklich, drei ihrer Kinder um sich zu haben», betont Adam. «Aber Syrien fehlt ihr. Ebenso wie die Gespräche auf Arabisch. Sie wird ihr Land niemals wiedersehen und wird dort nicht beerdigt werden. Das ist die Realität, die schwer zu akzeptieren ist.»

Hoch qualifiziert, aber ohne Chancen, seinen Beruf auszuüben

Die Schweiz stellt für Adam einen sicheren Hafen dar, aber auch eine tägliche Herausforderung. Neben dem Erlernen der französischen Sprache ist ihm ein anderer Punkt sehr wichtig: die Wiederaufnahme des Studiums. Dem aus Damaskus stammenden Anwalt (44), der 2003 seinen Studienabschluss in Strafrecht gemacht und sich anschliessend auf Menschenrechte spezialisiert hat, dann beinahe zwanzig Jahre als Anwalt in Damaskus und im Friedensforschungsinstitut Swisspeace tätig war, blieb trotz umfassender Berufserfahrung eine Anerkennung seiner ausländischen Diplome verwehrt. «Die Gesellschaft verliert viele Personen, indem sie diese vom Arbeitsmarkt ausschliesst. Das ist wirklich schade», bedauert er.

Seine Entschlossenheit, eine Arbeitsstelle zu bekommen, wird glücklicherweise durch die Wechselfälle des Lebens nicht beeinträchtigt. Dank eines Stipendiums, das er über Swisspeace bei der Universität Basel erhalten hat, hat er von August 2016 bis August 2017 einen Zertifikatsstudiengang CAS (Certificate of Advanced Studies) in Civilian Peacebuilding Essentials absolviert. Mit diesem Diplom in der Tasche, das er mit Bravour bestanden hat (Durchschnitt von 5,5 von 6), strebt er nun danach, einen Master in Übergangsjustiz in Genf zu beginnen. «Es gibt für mich in Genf mehr Arbeitsmöglichkeiten als in Bulle. Alle internationalen Organisationen sind dort ansässig. Ich kann allerdings nicht dorthin umziehen, wenn ich keine Festanstellung finde, die mir ein ausreichendes Einkommen sichert. Der Kanton wäre nicht bereit, eine weitere Person aus seinem Budget zu unterstützen. Dafür habe ich schon Verständnis, das verlangsamt allerdings auch meinen Eintritt in den Arbeitsmarkt.»