Geschichten des Ankommens – Hussein Mohammadi – «Mit dem F-Ausweis beginnen die Probleme»

In fünf Jahren hat sich Hussein Mohammadi zum festangestellten Mitarbeiter im Hydraulik-Bereich hochgearbeitet. Heute empfängt und berät der ehemalige Literaturstudent und Kunstmaler aus Afghanistan an seinem Arbeitsplatz Kunden, bewirtschaftet das Ersatzteillager und hat sich etabliert – dem F-Ausweis und einigen Integrationshürden zum Trotz.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH; Bilder: Stephan Hermann / Coupdoeil

Hussein Mohammadi ist im Januar 2013 in die Schweiz gekommen. Er gehört zu den zahlreichen Afghaninnen und Afghanen, die sich während vieler Jahre im iranischen Exil eine Existenz aufbauen konnten. Doch seit dem Krieg in Syrien werden die jungen afghanischen Männer vom iranischen Militär für den Kampf in Syrien häufig zwangsrekrutiert oder nach Afghanistan zurückgeschoben. In ihrem Herkunftsland werden sie zu internen Vertriebenen, geraten als Zivilisten zwischen die Fronten der Warlords und müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Es gibt keine Zukunftsperspektiven mehr, schon gar nicht für denkende, schreibende und malende Künstler und Literaten wie Hussein Mohammadi. So ist er alleine über die Balkanroute in die Schweiz geflüchtet. Mit Ölfarben, Zeichenstiften und kurzen Texten hat er auf der Website www.farbgalerie.ch seine Flucht dokumentiert.

In der Schweiz wurde er, ausgestattet mit dem N-Ausweis (Asylsuchende im Verfahrensprozess) dem Kanton Zürich zugeteilt. Es begann die Zeit der Transferierungen. Immer wieder kommt ihm dieses Wort über die Lippen. «Man erhält von den Behörden oder den Betreuern eine Adresse, einen Begleitbrief und ein Zugticket, versteht aber noch nicht genau, was jetzt geschieht», erklärt Hussein Mohammadi. In seinem Fall hiess das ein Bett in einem Zimmer mit drei anderen Männern im Durchgangszentrum Embrach. Dieses wird von der privaten Firma ORS Service AG im Auftrag des Kantons betrieben. «Ich war zunächst enttäuscht und unglücklich dort. Das Gebäude wirkte hässlich und abweisend auf mich, die Distanz in eine Stadt schier unüberwindbar, ich kannte ja das hervorragende ÖV-Netz in der Schweiz noch nicht», sagt Hussein Mohammadi rückblickend mit einem Schmunzeln. «Doch dort habe ich neue Freunde gefunden und lernte den ÖV richtig kennen.»

Entlassen aus dem Schutz der Unwissenheit

Die zweite Anhörung beim Staatssekretariat für Migration SEM erfolgte im Sommer 2014 und schon eine Woche später erhielt er den F-Status «vorläufig aufgenommen». Dahinter steckt jeweils ein negativer Asylentscheid, eine Wegweisung, die wegen der Situation im Herkunftsland im Moment nicht vollzogen werden kann. «Der F-Ausweis löste gemischte Gefühle in mir aus», erinnert sich Hussein Mohammadi. «Ich war enttäuscht und erleichtert zugleich. Alle mit F-Ausweis haben mir gesagt, jetzt beginnen die Probleme. Die Gemeinde und die Gesellschaft erwartet jetzt viel von dir, das du wegen der Begrenztheit dieses Status gar nicht leisten kannst.» Zum Beispiel möglichst rasch eine Landessprache genügend zu beherrschen, möglichst rasch eine Arbeit zu finden, möglichst rasch kein Unterstützungsgeld der zuständigen Gemeinde mehr beanspruchen zu müssen. «Es kam mir oft vor, wie wenn ich aus dem Schutz des N-Ausweises, eines noch unwissenden Asylsuchenden im Verfahren, entlassen worden sei.»

Finanziell unabhängig sein, aus der Bittstellung heraus kommen, einen Platz und eine Aufgabe in Würde in der neuen Gesellschaft finden – so möchte die grosse Mehrheit geflüchteter Menschen in der Schweiz leben. Insofern sind die Ziele der zuständigen Gemeinden und der ihnen zugeteilten Flüchtlinge oft deckungsgleich. Warum ist der Weg dorthin immer noch voller Hürden?

Hussein Mohammadi berichtet: «Die Gemeinde möchte, dass du dich schnell bei der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle RAV anmeldest und vermittlungsfähig für Arbeit bist. Doch dafür braucht es gute Sprachkenntnisse, konkret ein B2-Diplom.» Häufig beauftragt die Behörde für die berufliche Integration eine Organisation, wie in seinem Fall die Stiftung Chance. Diese klärt das Vorwissen und die Sprachkenntnisse ihrer Klientinnen und Klienten ab. «Das ist auf der einen Seite sicher hilfreich. Auf der anderen Seite bedeutet dies viel Zeitverlust. Du bekommst lange Briefe, deren Sinn du noch nicht richtig begreifst, es geht für deine Realität immer lange, bis du diesen und jenen Termin bekommst, den du aber brauchst, von dem du abhängig bist für deine berufliche Laufbahn. Was ich aber wirklich nicht verstanden habe, ist die Ablehnung meiner guten Sprachkenntnisse.» Denn inzwischen hatte Hussein Mohammadi die Sprachdiplome A1 und A2 dank Eigenstudium erreicht. Also visierte er das Sprachdiplom B1 an. Er wagte es, die durch die Stiftung vorgenommene Einstufung in den Kurs A2 anzuzweifeln. Seine Eigeneinschätzung fand kein Gehör. Erst nach einer Woche Deutschkurs auf Nivea A2 durfte er in die B1-Klasse wechseln.

Eigeninitiative lohnt sich…

«Ich bin dann zur Gemeinde gegangen und habe versucht, einen B2-Deutschkurs intensiv für sechs Monate zu bekommen. Doch es hiess, ich sollte Arbeit suchen und zu Hause lernen.» Das war dank einer eigenen Wohnung in Horgen, die er selber im Internet fand, etwas einfacher. Ende 2015 bestand er das B2-Diplom mit Bravour. «Du brauchst Disziplin und einen starken Willen. Nicht alle haben das, nicht alle bringen gleich viel Kraft und Talent mit», meint der heute 31jährige.
Hussein Mohammadis Engagement zahlte sich schliesslich aus. Die zuständige Stiftung fand für ihn einen Praktikumsplatz seinem Wunsch gemäss im Bereich Elektronik. Dem Schnuppertag beim Hydraulik-Center in Rümlang folgte eine Probewoche und danach ein dreimonatiges Praktikum, das vom Arbeitgeber auf acht Monate verlängert wurde. «Meine 100 Prozent-Stelle macht mir viel Freude. Ich lerne jeden Tag etwas Neues, bekomme Verantwortung und das Team und der Chef sind sehr nett», freut er sich. Abends nach der Arbeit malt er zu Hause jeweils drei Stunden. Er hat Mal-Aufträge bekommen und schon einige Bilder verkauft. Bereits im Sommer 2015 begann er Kurzgeschichten zu schreiben und bald ist sein erstes Buch fertig. «Ich schreibe phantasievolle Kurzgeschichten über die Realität in unserer Gesellschaft und möchte sie gerne publizieren, muss aber einen Verlag finden», erzählt er. Ob die Kunst nicht zu kurz komme? Einmal habe er gehadert und überlegt, ob er nicht als Flüchtlingsstudent an der Fachhochschule für Künste ein Schnuppersemester machen solle. Doch sein Weg hat ihn nun beruflich von Horgen ins Gewerbezentrum Riedmatt geführt und es ist gut so, meint er.