Geschichten des Ankommens – Kanchana Chandran – Kämpfen für das, was einem zusteht

Kanchana Chandran, Radiojournalistin aus Sri Lanka, berät und begleitet heute Migrantinnen und Migranten im sozialen und beruflichen Integrationsprozess. Im Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH sensibilisiert sie dank ihrer eigenen Erfahrungen Schweizerinnen und Schweizer für die Anliegen von geflüchteten Menschen.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH, Bilder: Stephan Hermann / Coupdoeil

Manchmal hilft auch die Sicherheit, am Zufluchtsort bleiben zu können nicht mehr weiter. Dann zum Beispiel, wenn einem die Selbstsicherheit verlässt, das Bauchgefühlt alles Positive verweigert, man sich komplett verloren fühlt in einer fremden Umgebung, ohne Sprache, hilflos wie ein kleines Kind. So erging es der knapp 20jährigen Kanchana Chandran als sie am 30. Januar 2009 in der Schweiz ankam: «Klar, ich hatte ein humanitäres Visum in der Tasche, wofür ich auch heute noch sehr dankbar bin. Aber ich verstand überhaupt nicht, warum ich in eine fremde Unterkunft musste, weg von meinem Mann, der schon ein halbes Jahr zuvor in der Schweiz aufgenommen worden war», erzählt Kanchana rückblickend. «Ich dachte, jetzt komme ich ins Gefängnis.» So jedenfalls kam ihr 2009 das heute renovierte Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ in Kreuzlingen vor. Die Angestellten der Securitas verstärken mit ihren Arbeitsuniformen diesen Eindruck noch. «Ich hielt sie für Militärs, hatte einfach riesige Angst und dachte die ganze Zeit, ich hätte einen grossen Fehler gemacht.» Kalt, grau und abweisend präsentierte sich die neue Heimat in ihrem ersten Eindruck. Das entsprach so gar nicht den Recherchen der jungen Journalistin über die Schweiz: dem Bild eines glücklichen und friedlichen Landes, dem Hort der Menschenrechte, der Redefreiheit und der Demokratie.

Täglich zum Bezahl-WC am Bahnhof

Vor dem EVZ standen damals auch Landsleute, die Kanchana auf Tamilisch begrüssten. «Als sie jedoch den sri-lankischen Pass in meiner Hand sahen, starrten sie mich an wie eine Fremde und verstanden nicht, warum. Mit meinem speziellen Einreisevisum galt ich für sie sofort als bevorzugt, dazu noch eine tamilische Muslimin, die alleine unterwegs ist – ich war für sie irgendwie suspekt.»

Der grosse Frauen-Schlafsaal mit Kajütenbetten mit dünnen Schlafsäcken, ohne richtige Decken, die Kälte in allen Räumen, das morgendliche Weckritual um sechs Uhr früh mit geöffneten Rolladen und Fenstern, die mässige Freundlichkeit des Personals und die schlimmen hygienischen Zustände setzten ihr zu. «Ich hatte dauernd das Gefühl, unerwünscht zu sein, konnte zu niemandem richtig Kontakt aufbauen», erzählt sie. «Am zweiten Tag gab es einen Suizidversuch einer Frau. Ich schlief neben einer grossen Kongolesin, die schwer erkrankt war und im Schlaf sprach.» Kanchana bekam eine Blasenentzündung, weil sie die Toiletten im EVZ mied, und jeden Tag einmal am Bahnhof Kreuzlingen das Bezahl-WC benutzte. Sie ernährte sich von Apfel und Brot und war froh, dass die Anhörung nach zehn Tagen erfolgte. Wie ihr Ehemann wurde sie dem Kanton Schwyz zugeteilt.

Goldener Käfig im Skigebiet

Nächste Station war die Schwyzer Gemeinde Morschach-Stoos. Für eine junge, schüchterne Frau aus dem warmen Sri Lanka wirkte der Aufenthalt im kantonalen Durchgangszentrum Degenbalm in einem ehemaligen Hotel wie ein goldener Käfig im Schnee. «Einmal die Woche gab es einen Shuttlebus ins Dorf. Die Natur dort oben ist sehr schön, man kann schlitteln und skifahren, doch das entspricht nicht gerade deiner Lebensrealität während der ersten Phase im Integrationsprozess», meint Kanchana. Lichtblick während dieser drei Monate war die menschliche Betreuung durch die Mitarbeitenden der Caritas. «Das war für mich eine Schlüsselerfahrung in zwei Hinsichten: erstens tat es einfach gut, so liebevoll behandelt zu werden und zweitens habe ich damals beschlossen, dass ich später genau diese Arbeit auch tun möchte.» Als Kanchana schwanger wurde, war es schliesslich der hilfsbereite Zentrumsleiter, der für sie und ihren Mann in der Gemeinde Schwyz eine Wohnung fand, die sie im Sommer 2009 beziehen konnten. Ende November kam die Tochter Aini zur Welt.

Kampf um eine ausserkantonale Ausbildung

Die furchtbare Zeit der Verfolgung in Sri Lanka hatte viel Kraft und Vertrauen gekostet, der Integrationsprozess und die unerwarteten Hindernisse in der neuen Heimat zerrten an Kanchanas Kräften: das erste Mal Mutter sein in einem mehrheitlich abweisenden Umfeld, gesundheitliche Probleme und eine instabile Ehe. Aber die Schwierigkeiten setzten auch Energie frei und verhalfen ihr zu Kontakten, die noch heute prägend sind: «Die Mütterberaterin, die mir damals enorm geholfen hat, ist noch heute eine gute Freundin auch für meine Tochter.» Die damalige Leitung des Amts für Asylwesen der Gemeinde Schwyz hingegen unterstützte die zugeteilten Flüchtlinge kaum. Trotz kantonaler Pauschale und rechtlicher Verpflichtung verweigerte diese Behörde die Finanzierung von Sprachkursen und reduzierte die berufliche Integration auf Beschäftigungsprogramme. Kanchana kannte aber inzwischen ihre Rechte und Pflichten als anerkannte Flüchtlingsfrau und gab nicht auf. Über die kantonale Stelle für Stipendien fand sie schliesslich eine Stiftung, die ihr den Weg zum Sprachdiplom C1 in Deutsch und die anschliessende Ausbildung zur Migrationsfachfrau ermöglichte. Die Familienberatungsstelle finanzierte die Krippe. «Ohne die Mütterberaterin und ohne den Berater bei der Stipendienstelle, die beide an mich glaubten, hätte ich das nicht geschafft», sagt Kanchana rückblickend.

Arbeit mit minderjährigen Asylsuchenden

Eigentlich wollte Kanchana Chandran in der Schweiz ihr Soziologiestudium beenden. Die neue Integrationsbeauftragte des Kantons Schwyz riet ihr jedoch, den «Umweg» über die Ausbildung zur Migrationsfachfrau zu nehmen. «Als mich der Leiter des Asylwesens nach neun Monaten, noch inmitten meiner Ausbildungszeit, auf Stellensuche schickte, bat ich darum, etwas im Migrationsbereich suchen zu dürfen. So konnte ich Praxis und Studium verbinden», erzählt Kanchana. Sie bewarb sich bei der Caritas und wurde nach Emmenbrücke ins Zentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende geholt. Die Arbeit mit den Jugendlichen gefiel ihr sehr. Die Freude war gross, als sie von der Asylorganisation Zürich AOZ das Angebot erhielt, ab Januar 2014 im neuen Testzentrum auf dem Juchareal in Altstetten Asylsuchende zu betreuen. Inzwischen geschieden und alleinerziehend, fand sie mit Hilfe einer Freundin eine Wohnung in einer Genossenschaft, die just eine Alleinerziehende suchte. Dort wohnt sie bis heute und schätzt diese ideale Wohnform insbesondere auch für ihre Tochter. «Das war das zweite grosse Glück, diese Wohnung!», sagt sie. «Immer wieder haben mir Schweizerinnen und Schweizer in entscheidenden Momenten weiter geholfen. Ohne sie hätte ich die berufliche und soziale Integration wohl kaum geschafft.»
Im Testzentrum musste sie jedoch häufig am Abend arbeiten. «Oft war ich erst um 23 Uhr zuhause und sah meine Tochter kaum noch», erzählt sie. «Doch die AOZ wollte mich nicht vom Abenddienst dispensieren, was ich noch heute sehr schade finde. Es gab deshalb keine andere Lösung für mich, als zu gehen.»

Sie erlitt ein Burnout, musste sich in ärztliche Obhut geben, jetzt war Erholung und Ruhe angesagt. Im Rahmen einer Wiedereingliederung bot ihr die AOZ eine Stelle im Zentrum Lilienberg für minderjährige Asylsuchende bei Affoltern am Albis an. Dort engagierte sie sich sechs Monate auch mit eigenen Projekten wie Kochen, Englischunterricht, Ausflügen und vielem mehr für die Jugendlichen. Sie hätte gut ins Team gepasst, hätte bleiben können, wenn sie wiederum bereit gewesen wäre, Schichtarbeit zu leisten…

Von der Migrationsfachfrau zur Erwachsenenbildnerin

Seit Juni 2016 ist Kanchana diplomierte Migrationsfachfrau, seit 2017 arbeitet im Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH mit. «Die Sensibilisierungsarbeit in den Schulen und bei den SFH-Begegnungstagen gefällt mir sehr», strahlt sie. «Langsam kommt das Gefühl wieder zurück, jemand zu sein, gebraucht zu werden. Es gibt mir viel Selbstvertrauen, zu spüren, dass ich mit meinem beruflichen Wissen und mit meinen Lebenserfahrungen in der Schweiz einen sinnvollen Beitrag leisten kann.» Aktuell plant sie, sich an der Höheren Fachschule für Sprachberufe SAL zur Sprachkursleiterin auszubilden und anschliessend das Diplom als Erwachsenenbildnerin anzupeilen. «Ich habe für dieses viele Kämpfen um Dinge, die einem anerkannten Flüchtling eigentlich zustehen, gesundheitlich viel zahlen müssen. Aber es hat mich auch stark gemacht und ich habe viel gelernt dabei», sagt sie heute. «Doch viele Asylsuchende kennen ihre Rechte nicht, sind geschwächt von ihrer Flucht, trauen sich nicht oder finden kaum Unterstützung, um diesen Weg zu gehen, den ich gegangen bin. Deshalb möchte ich ihnen Mut machen, insbesondere auch den Jugendlichen. Sie sind ein Gewinn für unsere Gesellschaft hier.»