Geschichten des Ankommens – Keerthigan Sivakumar – Die Unterstützung aus der Bevölkerung trägt Früchte

Keerthigan Sivakumar hat tamilische Wurzeln und entfloh dem Bürgerkrieg in Sri Lanka. Er gelangte 2009 in die Schweiz und durfte vom Engagement der Zivilbevölkerung profitieren. Als anerkannter Flüchtling kämpft er heute für die Rechte der Migranten und absolviert aktuell den Bachelor Cinéma an der Ecole cantonale d‘art in Lausanne (ECAL).

Von Karin Mathys, Redakteurin SFH, Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Keerthigan musste vier Jahre warten, bevor die Schweizer Behörden einen Asylentscheid fällten. Im Jahr 2009, bei seiner Ankunft in der Schweiz und nach einer anstrengenden und kostspieligen Reise, reichte er einen Asylantrag beim Empfangs- und Verfahrenszentrum in Basel ein. Er wurde dem Kanton Waadt zugeteilt, während er auf den Entscheid wartete und erhielt dann den Status eines Asylbewerbers (Ausweis N). Der junge Mann, der nicht ein Wort Französisch sprach, konnte seine ersten Sprachkurse dank den Integrationsprogrammen der Empfangsstelle für Flüchtlinge (EVAM) absolvieren. Er übte fleissig, war lernbegierig und erlernte die Sprache Molières rasch; er fand Freunde in der Region. Im 2011 wurde er vom Staatssekretariat für Migration (SEM) vorgeladen, damit seine Asylgründe eingehend geprüft werden konnten. Es dauerte noch weitere zwei Jahre, anfangs 2013, bis ein Asylentscheid gefällt wurde: Die Wegweisung nach Sri Lanka. «Ich hatte dreissig Tage Zeit, um die Schweiz zu verlassen», erinnert sich Keerthigan. «Die drohende Rückführung nach Sri Lanka, die Furcht, dort gefangen genommen und gefoltert zu werden auf Grund meiner tamilischen Wurzeln, haben mir enorm Angst gemacht.»

Die Unterstützung aus der Bevölkerung trägt Früchte

Nach der Einzug des Ausweis N befindet ist der junge Mann nun illegal in der Schweiz und fürchtet die Ausweisung nach Sri Lanka, obwohl er dort sein Leben riskieren würde. Erschüttert und orientierungslos vertraut er sich einer Freundin an, Aline, welche ihn auf das Kollektiv Collectif Droit de rester pour tou-te-s aufmerksam macht.«Während der Sprechstunde am Montagabend ging ich hin und bat um Rat“, erzählt er. Während neun Monaten helfen ihm die Aktivisten, Rekurs einzulegen und kämpfen gemeinsam mit ihm gegen die Ungerechtigkeit, deren Opfer er geworden ist. Im Sommer 2013 erzählen sie ihm, dass Mitglieder der tamilischen Minderheit zwangsweise durch das SEM ausgeschafft wurden.«Es handelte sich um ein Ehepaar, deren zwei Kinder und einen weiteren Staatsangehörigen aus Sri Lanka. Bei ihrer Ankunft in Colombo wurde das Ehepaar inhaftiert und verhört. Die Ehefrau wurde wieder entlassen, ihr Mann jedoch blieb bis 2015 inhaftiert. Während seiner Haft erlitt er Misshandlungen. Aufgrund dieses schrecklichen Ereignisses setzten sich verschiedene Organisationen, darunter Amnesty International, die Schweizerische Flüchtlingshilfe und die Gesellschaft für bedrohte Völker dafür ein, dass der Bundesrat sich für die Menschenrechte in Sri Lanka engagiert und die Asylbewerber aus Sri Lanka in der Schweiz beschützt“, fügt Keerthigan an. «Der Druck dieser Kampagne führte dazu, dass die Ausschaffung von hundert Asylbewerbern aus Sri Lanka suspendiert wurde und ihre Dossiers neu evaluiert wurden.» Es mussten also zuerst zwei Personen Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden, bis die Schweiz die Asylgesuche von Bürgern aus Sri Lanka erneut überprüfte. In diesem Zusammenhang und mit der Unterstützung von Droit de Rester konnte Keerthigan Rekurs einlegen. Die Erleichterung und das Ende seiner Qualen erfolgte ein paar Wochen später: «Die Schweiz anerkannte mich als Flüchtling und ich erhielt den Ausweis B», erzählt der junge Mann.

Eine gelungene Integration dank helfender Hände

Ohne den Druck aus der Zivilbevölkerung wäre Keerthigans Schicksal zweifelsfrei ein anderes gewesen. Der junge Mann ist den Organisationen und Menschen, die ihn unterstützten, äusserst dankbar.«Da gibt es Omar, Aline und viele andere.»

Keerthigan hat Omar kennen gelernt, als er für die Plattform voixdexils.ch schrieb, ein Beschäftigungsprogramm der EVAM.«Wir wurden schliesslich sehr gute Freunde. Dank seiner Unterstützung und seiner Förderung konnte ich über migrationsbezogene kulturelle und politische Anlässe in der Region berichten.» Und während einer solchen Reportage begegnete er Aline – bei einem von Amnesty International organisierten Anlass.«Aline stellte den Kontakt her zum Kollektiv Droit de rester. Sie hat mir zudem geholfen, mein Studium in Angriff zu nehmen. Als ich noch als illegaler Einwanderer galt, damals in 2013, immatrikulierte ich mich an der Ecole romande d’arts et communication (ERACOM). Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, aber ich hatte Angst davor, hinzugehen und dann nicht angenommen zu werden. Aline hat mir Mut zugesprochen. Sie half mir, mein Portfolio auszubauen und mich auf das Interview vorzubereiten.» Dank dem ausgezeichneten Dossier und seinen beruflichen Erfahrungen wurde der junge Mann aus Sri Lanka ein paar Wochen später an die ERACOM aufgenommen.

Das Kino – mehr als eine Leidenschaft: eine Verpflichtung

Keerthigan bestand seine Diplomprüfung an der Höheren Fachschule ERACOM mit Bravour und absolviert nun seit September 2017 den Master Cinema an der Ecole cantonale d‘art in Lausanne. Er verfiel dem Zauber der Leinwand, nachdem er den Film Das Streben nach Glück bei einem Freund in Sri Lanka gesehen hatte. Ein Vater, dargestellt vom Schauspieler Will Smith, lehrt seinen Sohn, dass man im Leben nie etwas aufgeben sollte.«Wenn du etwas willst, dann mach es. Punkt.» „Dies ist eines der berühmten Zitate aus dem Film“, erklärt Keerthigan.«Während dem Krieg lebte ich ohne Hoffnung in Sri Lanka. Dieser Film hat mich komplett aufgewühlt.» Die Worte des Vaters an seinen Sohn haben auch dem Kampfgeist in Keerthigan geweckt und ihn ermutigt, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Seit jenem Tag ging der junge Mann seiner Leidenschaft für das Kino nach und sie liess ihn auch in der Schweiz nicht los: „Ich lieh mir DVDs in den Videotheken von Lausanne aus, um alternative Kurz- und Spielfilme kennen zu lernen», erklärt er. Seine Tätigkeit als Redaktor bei einem indischen Webjournal 4tamilmedia.com wie auch auf dem Blog voixdexils.ch erlaubten ihm namentlich die Teilnahme an „allen Filmfestivals des Landes“ und er hielt das erste Mal eine Kamera in den Händen.

Neben seinem Studium engagiert sich Keerthigan bei mehreren Kollektiven zur Unterstützung von Flüchtlingen, darunter Droit de rester pour tou-te-s und Collectif R. Auf Grund seines eigenen Migrationswegs, seinen Erfahrungen im Räderwerk des Asylwesens und seinen Kenntnissen als Fotograf und Filmschaffender kann er die verschiedenen Kollektive vor allem mit der Produktion von visuellem Material unterstützen. Er träumt davon, Regisseur zu werden, um die Öffentlichkeit für die Migrationsthematik zu sensibilisieren.

Sein Engagement erinnert ihn immer wieder an die harte Realität im Flüchtlingswesen. Am 14. März 2018 schafften die Schweizer Behörden wiederum 11 Tamilen in einem Sonderflug nach Sri Lanka aus. Diese Ausschaffungen entfachen in Keerthigan ein Gefühl der Ohnmacht, ja sogar der Schuld.«Das System ist ungerecht. Diese Personen lebten jahrelang in der Schweiz. Zwei davon waren Freunde von mir. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Sri Lanka verfolgt werden, ist gross. Aber sie haben nicht die gleichen Rechte erhalten wie ich», stellt er mit grosser Trauer fest.