Geschichten des Ankommens – Mohamed Koda – «Meine grösste Angst ist, zurückgeschickt zu werden»

Mit 23 Jahren muss sich Mohamed Koda von seiner Familie in der Schweiz trennen wegen des Dublin-Abkommens. Er ist seiner Mutter und seiner Schwester gefolgt, die Ende 2014 im Kanton Fribourg Zuflucht gefunden haben. Jetzt ist er von der Ausschaffung bedroht.

Von Karin Mathys, Redaktorin SFH; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Mohamed Koda ist unruhig. Die Angst vor der Wegweisung plagt ihn und raubt ihm den Schlaf: «Meine grösste Sorge ist, wieder getrennt zu sein von meiner Familie. Jede Nacht habe ich Albträume deswegen und kann nur an das denken.»

Mit 20 Jahren ist Mohamed zum ersten Mal von seiner Familie getrennt worden. Sein Vater war aktiv in einer oppositionellen politischen Partei im Sudan. «Er erhielt Drohungen von der Sicherheitskräften und war in Khartum 50 Tage inhaftiert», erzählt der junge Mann. Als der Vater wieder auf freiem Fuss war, nahm er trotz der Drohungen und Verfolgungen seine politischen Aktivitäten wieder auf. Nachdem er ein paar Tage an einer internationalen Konferenz von Oppositionspolitikern in der Schweiz teilgenommen hat, beschliesst er am 3. Januar 2014, in der Schweiz ein Asylgesuch einzureichen. Im Frühling 2014 wird der Vater als Flüchtling anerkannt, erhält den B-Ausweis und wird dem Kanton Fribourg zugewiesen. Er reicht ein Gesuch um Familiennachzug bei den zuständigen kantonalen Behörden ein. Im September 2014 können seine Frau und seine drei minderjährigen Töchter einreisen. Mohamed jedoch bleibt dieses Recht verwehrt, weil er schon volljährig ist. Nur die Ehegattin und die minderjährigen Kinder können vom Vater in die Schweiz nach Fribourg nachgeholt werden.

Gerade 20 Jahre alt geworden, ist Mohamed nun dazu verdammt, weit weg von seiner Familie zu leben. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Denn der junge Mann gibt nicht auf. Entschlossen seine Familienmitglieder wieder zu finden, deponiert er in der französischen Botschaft im Sudan ein Visumsantrag nachdem er sein Sprachstudium an der Universität von Khartum mit einem Bachelor abgeschlossen hat. Dank seines Diploms bewilligt ihm Frankreich einen Sprachaufenthalt in Besançon ab August 2017. Einen Monat später reicht er im Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ in Vallorbe (Waadt) ein Asylgesuch ein. Als Asylsuchender mit N-Ausweis wird er dem Kanton Fribourg zugewiesen und kann endlich wieder unter dem gleichen Dach mit Mutter und den drei Schwestern leben.

Wiedervereinigte Familie: Tatsächlich?

Mohamed hat die Wartezeit bis zum Asylentscheid genutzt. Kraft seiner hohen Sprachkompetenz beginnt er freiwillig in einem fribourgischen Verein Migrantinnen und Migranten in Französisch zu unterrichten. Dank seine einwandfreien Sprachfertigkeit und seinen Studienzertifikaten kann er sich an der Universität Fribourg für das Studienfach Soziologie einschreiben und im Frühling 2018 das Studium aufnehmen. Endlich zeichnet sich für Mohamed eine sicherere Zukunft umgeben von seinen Nächsten ab, bis er im November 2014 vom Sekretariat für Migration SEM einen Nichteintretens-Entscheid aufgrund des Dublin-Abkommens erhält. «Das ergibt doch keinen Sinn. Ich bin von der Abschiebung nach Frankreich bedroht während meine Familie hier lebt», meint er verwirrt.

Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Sie steht stellvertretend für das Schicksal von 5‘843 anderen Personen, die 2017 in der Schweiz Zuflucht gesucht haben und dann zu sogenannten «Dublin-Fällen» wurden.

Mohamed hat gegen die Entscheidung der Behörden Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht BVerGr eingelegt. Im Vordergrund stand dabei die angeschlagene Gesundheit seiner Mutter, die für die Betreuung einen Sohn an ihrer Seite brauchen würde. Doch das BVerGr hat den Entscheid des SEM gestützt und dabei weder auf das Recht auf Familieneinheit noch auf die angeschlagene Gesundheit seiner Mutter Rücksicht genommen. So wird der junge Sudanese bald die Schweiz verlassen und seine Familie hinter sich lassen müssen mit dem bitteren Geschmack einer tiefen Ungerechtigkeit.

Die Realität hat die Geschichte eingeholt. In der Zwischenzeit musste Mohamed Koda das Land verlassen.