Geschichten des Ankommens – Mortaza Shahed – F-Ausweis: «Der psychische Druck durch die Ungewissheit ist enorm»

Mortaza Shahed kämpft an vorderster Front für die Verbesserung des Status «Vorläufige Aufnahme». Zwei Jahre lang hat er unter dieser Ersatzmassnahme gelitten, die eigentlich eine aus rechtlichen Gründen nicht vollziehbare Ausschaffung bedeutet.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH; Bilder: 1 und 2: @Hamed Rezai,3: @AhmadShah Alizada

Vorläufig aufgenommen zu sein heisst, ständig mit einer Wegweisung ins Herkunftsland rechnen zu müssen. Denn das Asylgesuch einer vorläufig aufgenommenen Person ist abgelehnt, auch wenn sie als Flüchtling anerkannt worden ist und somit die in der Flüchtlingskonvention definierten Eigenschaften erfüllt. Sollte im Herkunftsland wieder Stabilität und Frieden sein, kann die Wegweisung zum Beispiel nach Afghanistan, Irak, Syrien, Sri Lanka, Tibet oder Eritrea erfolgen. Aus diesen Ländern stammen die meisten in der Schweiz lebenden vorläufig Aufgenommen.

Mortaza Shahed, du kommst aus Afghanistan und hast dort zuletzt in Kabul als Filmregisseur gelebt und gearbeitet. Was würde eine Wegweisung aktuell in deinem Fall bedeuten?

Lebensgefahr! Laut UN wurden von Januar bis 13. Mai 2018 108’000 Afghaninnen und Afghanen wegen Konflikten und Unsicherheit im Land vertrieben. Davon sind tausende nach Pakistan, in den Iran und weiter in die Türkei geflüchtet. Nicht nur Angehörige der besonders verfolgten Hazara-Ethnie flüchten aus Sicherheitsgründen, sondern alle. Sie versuchen nach Europa zu kommen, obwohl sie genau wissen, dass sie dort kaum Chancen auf ein Bleiberecht haben; es zeigt einfach wie verzweifelt die Menschen sind.

Mein Vater, der vor einigen Wochen 89-jährig gestorben ist, hat sich für sein Land immer einen dauerhaften Frieden gewünscht. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und wünsche mir für mein Land immer noch einen permanenten Frieden. Mein Vater, ich und meine Tochter sind drei Generationen, die alle als Flüchtling leben oder gelebt haben! Niemand will das! Was man wirklich will, ist eine Heimat ohne Krieg und eine Gesellschaft in Gleichheit, wo man sich und seine Familie in Sicherheit weiss, wo man keine Angst hat, morgens unterwegs zur Arbeit getötet zu werden. Das Wort ‚Heimat‘ hat für uns einen bitteren Geschmack, daran haben wir seit unserer Kindheit keine guten Erinnerungen. Frieden in Afghanistan bleibt für uns ein Traum.

Sind Menschen, die nach vielen Jahren der vorläufigen Aufnahme ausreisen müssen, in ihren Herkunftsländern besonders gefährdet?

Das ist eigentlich immer so, denn man ist ja auch nicht freiwillig geflüchtet. Das bezeugen auch die Statistiken der Toten und Verletzten in den Herkunftsländern. Die Gefahr, willkürlich festgenommen, entführt oder ermordet zu werden ist permanent da, man kann niemandem mehr trauen. Rückkehrende sind besonders exponiert und gelten oft als Landesverräter. 

Was hat sich spürbar verändert, als deine Beschwerde gutgeheissen worden ist und du den B-Ausweis bekommen hast?

Das Wichtigste ist, dass mir und meiner Familie ein definitives Bleiberecht in der Schweiz gewährt wurde. Mit dem B-Ausweis fand ich innerhalb weniger Wochen eine gute, zentral gelegene Wohnung für meine Familie, mit dem F-Ausweis habe ich über ein Jahr gesucht und fand nur dezentral gelegene Zimmer. Alles wurde viel einfacher, insbesondere auch die Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten: Meine Frau und ich arbeiten heute zum Beispiel im Kompetenzzentrum Integration der Stadt Bern mit, ich engagiere mich für die politische Mitbestimmung von Ausländerinnen und Ausländern, ich habe Zugang zur Zürcher Hochschule für Künste, um mein Filmstudium weiterzuführen.

Was hat dich in den zwei Jahren als vorläufig Aufgenommener am stärksten eingeschränkt?

Der psychische Druck durch die Ungewissheit, ob man bleiben kann oder nicht, ist enorm. Man wird beim Aufbau einer eigenen Existenz wirklich behindert, insbesondere bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Man ist an den Kanton oder sogar an die Gemeinde angebunden, die für die Kosten aufkommen. Man darf nicht selber ein Konto eröffnen, ist so ein Stück weit zur Abhängigkeit verdammt. Mit dem F-Ausweis darf man auch nicht ausserhalb der Schweiz reisen, etwa um ein Familienangehöriger in einem Nachbarland zu besuchen.

Wogegen hast du dich genau erfolgreich beschwert?

Als ich den F-Ausweis erhielt, bedeutete dies für mich, dass mir die Behörden nicht geglaubt haben, obwohl ich meine Bedrohung und Verfolgung als Kameramann unter anderem für die Regierung Afghanistans und als Filmregisseur genau belegen und dokumentieren konnte. Das hat mich psychisch sehr verletzt. Die Vorstellung, dass mein Leben und das meiner Familie von der Entscheidung einer Person abhängen, die mir gerade nicht glaubt, fand ich unerträglich. Dass meine Beschwerde erfolgreich war, hat gezeigt, dass das Staatssekretariat für Migration SEM meine Belegdokumente und mich als Person nicht verstanden hat. Gemäss SEM wäre ich in Kabul nicht gefährdet, doch das Bundesverwaltungsgericht befand eine persönliche Bedrohung aufgrund meiner Arbeit als Kameramann und Filmer als gegeben. Das gilt für alle Afghaninnen und Afghanen, die Widersprüche der Regierung aufdecken.

Im März 2018 hast du eine Demonstration in Bern für die Reform der vorläufigen Aufnahme organisiert. Mitte März hat die zuständige Kommission dem Nationalrat eine Minireform empfohlen: In Zukunft soll ein Kantonswechsel für die Arbeitsintegration möglich sein und die Bezeichnung «Vorläufige Aufnahme» soll ersetzt werden.

Bist du zufrieden damit?

Mit der Demo konnten wir die Inhalte der Motion im Parlament nicht ändern und die Minireform, die vom Ständerat vorgeschlagen wurde, kratzt eigentlich nur an der Oberfläche. Was wir an der Demo gefordert haben, betrifft einfach die Grundrechte eines Menschen, mehr nicht. Aber vielleicht passiert im Hintergrund jetzt viel mehr. Zum Beispiel die kürzlich vom SEM angestossene Integrationsagenda enthält wichtige Förderungen für Sprache, Einschulung der Kinder, Ausbildung, Arbeit und gesellschaftliche Integration auch für die vorläufig Aufgenommen, für die wir an der Demo alle eingestanden sind.

Welchen Rat gibst du einer Politikerin / einem Politiker diesbezüglich?

Für die Hilfe vor Ort in Afghanistan investiert die Schweiz jährlich um die 35 Millionen Franken. Wie viele offizielle Quellen belegen, ist die Gefahr sehr hoch, dass dieses Geld auch von Behörden, die sich einen Deut um Wiederaufbau und Frieden kümmern, missbraucht wird. Schliesslich müssen noch mehr Menschen flüchten. Mit der Integrationsagenda stellt der Bund den Kantonen jährlich 18‘000 Franken pro Schutzsuchender für die sprachliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration zur Verfügung. Das ist eine lohnende Investition, die sich im Land auszahlt und allen Beteiligten hilft.