Geschichten des Ankommens – Raman Mohammed – Friseure braucht es überall auf der Welt

Alleine und noch nicht 18 Jahre alt, kam Raman Mohammed aus Syrien im September 2014 in die Schweiz. Heute macht er eine Lehre als Coiffure, freut sich über die bestandene Autofahrprüfung und geniesst das aufregende Leben eines 22jährigen mit vielen Zukunftsträumen. Ein neues Leben in einer neuen Heimat hat für ihn trotz vorläufiger Aufnahme begonnen.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Bis es soweit war, hat der syrische Kurde schon in jungen Jahren vieles erlebt und hart gearbeitet. Er ist 1998 in Qamischli, im kurdischen Gebiet Syriens nahe der türkischen Grenze, geboren. Dort wuchs er zusammen mit zwei Brüdern und einer Schwester auf, besuchte nach der 10. Klasse das Gymnasium und dachte an einen medizinischen Beruf.

Als die Kriegshandlungen und IS-Attentate zunahmen, flüchtete seine Familie 2013 nach Erbil, der Hauptstadt und dem Regierungssitz der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Die Millionenstadt versprach Stabilität, nicht zuletzt deshalb, weil sie 2014 von der UNESCO zum historischen Weltkulturerbe deklariert wurde. Grossmächte wie die USA, Russland, China, Iran, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und Südkorea unterhalten dort diplomatische Vertretungen. Allerdings hielt diese fragile Stabilität nur solange, wie die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan (Peshmerga) den «Islanmischen Staat» aufhalten konnten. Raman Mohammeds Familie zog deshalb weiter und lebt jetzt in Dohuk.

Minderjährig und alleine in der Schweiz
Raman Mohammed jedoch flüchtete alleine in die Schweiz, in ein Land mit vier Sprachen, wie er dank Schule und Internet bereits wusste. «Das syrische Militär hätte mich auch als Minderjährigen eingezogen. Ich sollte eine Zukunftsperspektive haben und zu meinem Onkel in die Schweiz gehen», erklärt er dazu. Die Recherchen der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH bestätigen dies: Wer sich dem Militär entzieht ist nicht nur selber höchst gefährdet. Auch Angehörige und Verwandte werden von den syrischen Regierungsbehörden drangsaliert und verdächtigt, Männer, die sich dem Militärdienst entziehen, zu verstecken. Sie werden zur Denunzierung gezwungen und müssen Haft und Folter befürchten.

Im September 2014 meldete er sich im Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ Basel und reichte ein Asylgesuch ein. Zusammen mit acht anderen geflüchteten Syrern teilte er dort zunächst ein Zimmer, bis im Februar 2015 im Basler Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende WUMA ein Platz für ihn frei wurde. «Die Zeit im WUMA war sehr gut für mich», erzählt Raman Mohammed rückblickend. «Die Leitung ist verständnisvoll und hilfsbereit. Du kannst sie alles fragen, über die Sprache, die Schule, den Alltag. Du lebst zusammen mit anderen Jugendlichen, die in der gleichen Situation sind wie du, das ist wirklich gut.»

Stadtleben fördert Integration
Bis Juni 2016 blieb er im WUMA und besuchte zwei Jahre das Zentrum für Brückenangebote des Kantons Basel-Stadt. Dieses Angebot richtet sich an Jugendliche oder junge Erwachsene, die nach der obligatorischen Schulzeit noch keine Lehrstelle, Aus- oder Weiterbildung gefunden haben und Unterstützung brauchen. «Es war nicht so schwer für mich», erklärt Raman Mohammed. «Ich habe einfach immer zugeschaut, wie es die Anderen machen und so habe ich schnell gelernt, wie man sich verhält und was wichtig ist, um in der Schweiz gut und schnell zurechtzukommen.»
Im Stadtkanton Basel sind Unterkunft und Ausbildungsorte meist zentral mitten in der Stadt gelegen. Die Begegnungen und der Austausch mit Einheimischen sind zahlreicher und vielfältiger als in isolierten Unterkünften auf dem Land. Es gibt viele Möglichkeiten, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und Sprachkenntnisse im Alltag zu üben. Das fördert und beschleunigt den Integrationsprozess.
Seit Juli 2016 lebt Raman Mohammed einer Wohngemeinschaft mit einem Schweizer und einem jungen Mann aus Mazedonien. «Wir sprechen immer Deutsch zusammen, das hilft natürlich sehr, um rasch verstehen und sprechen zu können», erzählt er. «Jetzt spreche ich schon drei Sprachen: Arabisch, Kurdisch und Deutsch.» In der Freizeit trifft er sich gerne mit Kollegen zum gemeinsamen Kochen und Essen, hört Musik und schaut sich Filme an. Dafür blieb ihm jedoch in den letzten Monaten nicht viel Zeit übrig. Stolz zeigt er seinen Führerschein und erzählt, dass der Experte sehr zufrieden war mit seiner Autofahrprüfung.

Coiffure-Lehrstelle trotz F-Ausweis

Daher ging es mit dem Deutsch flott voran und bald schon konnte Raman Mohammed die Suche nach einem Lehrstellenpraktikum wagen. «Der Coiffure-Beruf ist sehr vielseitig. Man lernt sowohl das Damen- wie das Herrenfach und man kann diesen Beruf überall auf der Welt ausüben. Das gefällt mir.» Er kümmerte sich selber um einen Schnupperlehrplatz und das wurde gleich zweimal belohnt. Nach der ersten Schnupperwoche war ihm klar, dass er gerne Friseur werden möchte. Die zweite Schnupperlehre absolvierte er an seinem jetzigen Arbeitsplatz in einem wunderschönen, kunstvoll eingerichteten Haute-Coiffure-Salon mit Blick auf den Rhein. Seine heutigen Lehrmeister waren zufrieden mit ihm und boten ihm im August 2017 eine Lehrstelle an. «Das hat mich sehr gefreut! Meine Lehrmeister und die Kundinnen und Kunden sind sehr nett. Jeden Tag lerne ich etwas Neues dazu, ich bin sehr zufrieden», freut sich der junge Mann. Die Lehre dauert drei Jahre. Zwei Tage die Woche besucht er die Berufsschule.

«Alle 17 Kollegen vom Brückenangebot haben entweder eine Lehrstelle gefunden oder zumindest ein Praktikum, obwohl viele so wie ich nur den F-Ausweis haben, also vorläufig aufgenommen sind», freut sich Raman Mohammed. Plötzlich werden seine Gesichtszüge ernst. Im November 2017 hatte er die zweite Anhörung beim Staatssekretariat für Migration SEM in Bern. Seither wartet er auf den definitiven Entscheid über sein Asylgesuch. «Warum ist das so?», fragt er. «Habe ich etwas falsch gemacht? Ich kann nicht zurück nach Syrien, schon gar nicht als Kurde, es ist Krieg dort und es hört nicht auf.»

Ein Glück, dass der Status der vorläufigen Aufnahme für seine Lehrmeister Bernie Reichenstein und Vito Geering kein Hinderungsgrund war, um ihm den Lehrstellenplatz zu geben: «Für uns steht die Leistung im Vordergrund. Beide Lehrlinge mit Flüchtlingshintergrund sind sehr motiviert und wissensbegierig», lobten sie. «Die Behörden hier in Basel unterstützen uns und machen die Administration nicht noch komplizierter, das ist angenehm. Die Sondersteuer haben wir aus unserem Sack für sie bezahlt. Bei so einem kleinen Lohn im ersten Lehrjahr! Also das hätten wir beschämend gefunden, ihnen noch 10 Prozent davon abziehen zu müssen.» Die Sondersteuer entfällt seit dem 1. Januar 2018; zumindest dazu konnten sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier inzwischen durchringen. Ansonsten steht der Status Vorläufige Aufnahme im Bundesbern nach wie vor zur Debatte.