Geschichten des Ankommens – Semahr Negash – «Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Integrationsweg so lange ist»

Semhar Negash ist aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet und hat 2017 ihr Sozialanthropologiestudium an der Universität Bern mit einer Masterarbeit über minderjährige Asylsuchende abgeschlossen. Während des Studiums betreute sie viele minderjährige Eritreerinnen und Eritreer in ihren Unterkünften. Heute begleitet sie diese Jugendlichen auf ihrem Weg ins gesellschaftliche und berufliche Leben in der Schweiz.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Keren ist eine Stadt mit rund 80‘000 Einwohnern im eritreischen Flachland zwischen der Hauptstadt Asmara und der sudanesischen Grenze, umgeben von Bergen. Dort ist Semhar Negash 1985 geboren und zusammen mit drei Brüdern und vier Schwestern aufgewachsen. Vater und Mutter betrieben einen Lebensmittelladen, man lebte vom Verkauf. Sie erinnert sich gerne an die Primarschulzeit: «Es war eine gute Zeit», sagt sie rückblickend. «Wir waren zwar 50 bis 70 Kinder in einer Klasse, hatten aber mehrere strenge, doch gute Lehrer. Das waren richtige Autoritätspersonen.»

Studium und Militärdienst

Mit 17 Jahren schrieb sie sich für die Immatrikulationsprüfung an der Universität in Asmara, Eritreas Hauptstadt, ein. Doch wie alle wehrdienstpflichtigen Eritreerinnen und Eritreer musste sie gleichzeitig im militärischen Ausbildungszentrum in Sawa mit der militärischen Grundausbildung beginnen. Das bedeutete, unter sengender Sonne in der südwestlichen Region Gash-Barka für das Militär Holz sammeln, in Kanistern Wasser holen und erste Trainings absolvieren – so lange bis das Resultat der Immatrikulationsprüfung da war. Erst dann durfte sie ihr Studium aufnehmen und begann Englisch, Literatur und Linguistik und im den Nebenfächern Soziologie, Weltgeschichte und Afrikanische Literatur zu studieren bis zum Bachelor. Nun war sie 21-jährig, hatte das ganze Leben noch vor sich und war auf dem besten Weg, in ihrem Heimatland eine der wenigen gut ausgebildeten Frauen zu werden.

Wiederum funkte das Militär dazwischen: Um das Bachelor-Zertifikat zu bekommen, muss dem Militär Dienst geleistet werden. Sie arbeitete im Verteidigungsministerium und machte dort Übersetzungen und Filmeditionen. Es ging ein Jahr bis das Bachelor-Zertifikat kam, allerdings musste sie auch danach weiterhin für das Militär arbeiten. «Mein Pflichtbewusstsein war gross, doch die Regierung hat immer alles bestimmt und unsere Arbeit dauernd überwacht. Kreativität war ausgeschlossen. Studentinnen und Studenten waren der Regierung so oder so suspekt», erzählt sie. «Wir waren ein Team von 23 Studentinnen und Studenten, dazu 15 Personen, die nicht an der Uni waren. Unsere Teamsitzungen wurden immer überwacht. Man wagte also keine informellen Gespräche, die Furcht war zu gross.» Nachdenklich sagt sie: «Es doch paradox, wir lernten an der Uni wie freie Gesellschaftmodelle funktionieren, wurden aber selber dauernd überwacht.»

Ankunft in der Schweiz

Die Flucht in die Schweiz möchte Semhar Negash nicht genauer publiziert wissen, um sich und ihre Angehörigen nicht zu gefährden. Sie kam am 23. November 2011 in die Schweiz und reichte im Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ Vallorbe ein Asylgesuch ein. «Ich dachte, jetzt bin ich frei», erzählt sie. «Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass der Integrationsprozess hier in der Schweiz lange und schwierig ist.» Das begann schon mit der Zuteilung: Sie dachte, dass sie in der französischsprachigen Schweiz bleiben könnte, wurde jedoch nach drei Wochen dem Kanton Bern zugeteilt und kam in ein Durchgangszentrum in Oberdiessbach.

Dort traf sie auf zahlreiche Eritreerinnen und Eritreer und teilte mit sechs Frauen ein Zimmer. «Ich habe nie vergessen, wie freundlich ich dort vom Betreuer willkommen geheissen wurde, mit einem Extra-Schild. Das hat mich sehr gerührt; solche kleinen Gesten haben eine grosse Wirkung, wenn man noch neu und verunsichert ist», ist Semhar Negash überzeugt. Doch die Abgelegenheit der Unterkunft machte ihr zu schaffen. So reiste sie jeden Tag nach Bern, um Deutsch zu lernen, arbeitete freiwillig als Dolmetscherin, begleitete ihre Landsleute zu allerlei Terminen und putzte für ein Taschengeld.

‚Wenn ich eine Aufenthaltsbewilligung bekomme, dann wird alles einfacher‘, dachte sie und musste erkennen, dass es nicht so war: «Als ich im Januar 2012 den B-Ausweis erhielt, kam mir diese Freiheit fast ein bisschen zu früh vor. Plötzlich durfte ich selber wählen, welchen Deutschkurs ich besuchen wollte, und sollte mir eine eigene Wohnung suchen.» Semhar Negash blieb bis Juli 2012 in Oberdiessbach, bis sie in Biel eine Wohnung fand.

Es braucht Druck von aussen

Die Sozialhilfe unterstützte sie finanziell und beratend, von Caritas Bern stand ihr eine Begleitung zur Verfügung. «Die Begleitung von Caritas war gut und hilfreich. Hingegen stand mir die berufliche Beratung nur zwei Stunden im Monat zur Verfügung, was für mich einfach zu wenig war», erzählt die junge Frau. «Ich empfand es als schwierig, dass ich nicht in meiner Motivation, möglichst rasch finanziell selbständig zu werden, stärker unterstützt wurde.»

Eine schwierige Zeit brach an. Zwar war der Aufenthalt in der Schweiz nun gesichert, doch beruflich tat sich nichts. «Genau in dieser Phase ist die Gefahr gross, dass man einfach herumhängt mit dem Handy, viel nachdenkt, sich einsam und perspektivenlos fühlt. Deshalb ist es sehr wichtig, genau dann eine Struktur oder eine Aufgabe zu haben, sonst hält man das kaum aus.»

Semhar Negash suchte sich Beschäftigung in der interkulturellen Bibliothek und begann dort freiwillig zu arbeiten. «Ich glaube, wir Eritreer brauchen den Druck von aussen, um etwas selber in Gang zu setzen. Diese Freiheit hier ist für uns eine Überforderung, denn wir haben nie gelernt, damit umzugehen. Wir sind geprägt von einer Kollektivgesellschaft. Wir haben nie gelernt, über uns selber zu sprechen, deshalb braucht es einen Druck.»

Der Weg zur Universität

Die Deutschkurslehrerin fragte Semhar Negash, was sie beruflich machen möchte. «Ich sagte, ich will studieren. Doch sowohl die Lehrerin wie auch mein Sozialarbeiter vertraten die Meinung, dass sei praktisch unmöglich in der Schweiz, von ihnen erhielt ich keine Motivation und Unterstützung.» Ein Eritreer, der in der Schweiz studiert hatte, gab Semhar Negash den Rat, sich an das Berufsinformationszentrum in Bern BIZ zu wenden. Dort hiess es allerdings, sie müsse zunächst die Matura machen. «Das war für mich nicht hilfreich, also suchte ich über Google verschiedene Unis und erkundigte mich über die Bedingungen, die es braucht, um einen Masterabschluss zu machen.» Auf diese Weise fand sie einen Schweizer Soziologen, der in Eritrea seine Feldforschung betrieb. Sie schrieb eine Bewerbung für ein Studium an der Universität Bern in Sozialanthropologie und bat um ein Vorstellungsgespräch. Die eigentliche Türöffnerin war eine freundliche, hilfsbereite Sekretärin, die sofort mit ihr einen Termin vereinbarte. «Eigentlich wollte ich zuerst mein Deutsch bis zum Sprachdiplom C1 verbessern und mich nur auf die deutsche Sprache konzentrieren, doch es kam anders», lacht sie. Durch die Bürgschaft des besagten Schweizer Feldforschers und Anthropologe, der in Eritrea seine Doktorarbeit schrieb und Kontakt mit dem Professor aufnahm, erhielt sie schliesslich Zugang zur Universität. Denn ihr Bachelor-Zertifikat aus Eritrea konnte nicht überprüft werden So erfolgte die Anerkennung ihrer Diplome über diese Bürgschaft.

Im September 2013 konnte Semhar Negash an der Universität Bern das Masterstudium in Sozialanthropologie mit Nebenfach Gender Studies aufnehmen und schloss im Sommer 2017 mit der Masterarbeit «A look at the daily life of unaccompanied Eritrean minors» ab. Gleichzeitig betreute sie im UMA-Zentrum in Unterseen bei Interlaken unbegleitete minderjährige Asylsuchende aus Eritrea. Ihre Erfahrungen hat sie als Feldforschung in die Masterarbeit integriert.

Aktuell begleitet sie nach wie vor Minderjährige Asylsuchende, dolmetscht und engagiert sich stark beim Eritreischen Medienbund Schweiz. Sie sagt: «Wir haben unser Leben riskiert, um hierher zu kommen. Dann hat man auch Erwartungen auf ein besseres Leben.»