Geschichten des Ankommens – Tesfaalem Weldeslassie – «Ich bin kein Straftäter und sollte nicht wie einer behandelt werden»

Tesfaalem Weldeslassie fand 2015 Zuflucht in der Schweiz. Seine Geschichte ist beispielhaft für die vielen Hindernisse im schweizerischen Asylwesen. Von der drohenden Ausschaffung, der Administrativhaft, dem Hausarrest und bis zur vorläufigen Aufnahme verlief sein Integrationsweg zunächst steinig. Aktuell absolviert er eine Lehre als Elektroinstallateur.

Von Karin Mathys, Redaktorin SFH

Tesfaalem floh aus Eritrea, um dem unbefristeten Militärdienst zu entkommen. Wie die meisten eritreischen Schutzsuchenden, musste er einen gefährlichen Fluchtweg wählen. Grossen Gefahren ausgesetzt, durchquerte er die libysche Wüste, litt an Hunger und Durst und war dabei mehrmals dem Tod nahe. Die riskante Überquerung des Mittelmeers haben einige seiner Leidensgenossen nicht überlebt.

Drohende Wegweisung nach der Ankunft in der Schweiz

Im Oktober 2013 stellt Tesfaalem ein Asylgesuch im Empfangs- und Verfahrenszentrum Vallorbe (VD). Nach fünf Monaten wird sein Gesuch vom Staatssekretariat für Migration (SEM) abgelehnt. Die Schweiz tritt nicht auf den Antrag ein. Warum? Weil sein Fuss zuerst italienischen Boden betreten hatte. Wegen des Dublin-Abkommens soll er wieder nach Italien zurückgeschickt werden.

Während er auf seine Wegweisung wartet, wird Tesfaalem in einem Zentrum in Morges untergebracht. Dort sind seine Tage geprägt von Unberechenbarkeit und Angst. Die Polizei kann ihn jederzeit abholen und in ein Flugzeug nach Italien setzen. Das italienische Asylsystem weist gravierende Mängel auf, welche die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH ) in regelmässigen Abklärungsreisen dokumentiert.

Sechs Monate nach dem Nichteintretensentscheid gemäss dem Dublin-Abkommen ist die Frist für seine Ausschaffung abgelaufen. Tesfaalem darf sich also auf eine Zukunft in der Schweiz einstellen und dafür den Ablauf der Frist geltend machen. Dennoch hält das SEM an seinem Entscheid fest mit der Begründung, dass er aus dem Zentrum verschwunden sei, was die Frist um ein Jahr verlängere. «Für die Behörden galt ich einen Monat lang als verschwunden. Zum Glück habe ich alle Gutscheine, die ich im Nothilfezentrum der Empfangsstelle für Flüchtlinge (EVAM) eingelöst hatte, behalten. Damit kommt ich beweisen, dass ich die Schweiz nicht verlassen hatte». Der junge Mann legt Rekurs ein, um zu beweisen, dass er ohne Unterbruch im Land geblieben ist. In der Zwischenzeit erhält er den Ausweis N (Schutzsuchende im Asylverfahren), womit der Vollzug der Wegweisung ausgesetzt wird. «Ich war glücklich:Nun war ich sehr motiviert, um Französisch zu lernen». Nach sechs Monaten aber folgt der nächste schwere Schlag: Sein Rekurs wird abgelehnt. «Die dritte negative Antwort. In jenem Moment wurde es unerträglich für mich. Ich wusste nicht mehr weiter» , erinnert sich Tesfaalem Weldeslassie an jenen Tiefschlag.

Zwischen Administrativhaft und Hausarrest

Tesfaalem muss also seinen Ausweis N wieder eintauschen gegen das sogenannte «weisse Papier», eine Bestätigung für den Ablauf der Ausreisefrist, welche regelmässig von den für die kantonalen Migrationsbehörden abgestempelt werden muss. An einem Morgen im April 2015 holt ihn die Polizei in einer Unterkunft in Vevey ab. «Die Polizisten verlangten, dass ich alles zusammenpacke und dann zwangen sie mich, zum Flughafen zu fahren. Ich habe mich geweigert und um mich geschlagen», erklärt Tesfaalem. Er kommt vor das Friedensgericht und wird zunächst in Favra, dann in Frambois (GE) unter Hausarrest gestellt. Dort muss er zweieinhalb Monate bleiben.

Eines Tages besucht ihn dort ein Aktivist des Collectif R, einer Lausanner Bürgerbewegung, welche sich für Flüchtlinge einsetzt. «Die Mitglieder des Collectif R beschützten andere Migranten, denen die Ausschaffung durch die Schweiz auf Grund des Dublin-Abkommens drohte. Sie setzten sich auch für meine Haftentlassung ein, aber ich wusste damals nichts davon.» Der Aktivist stellt Kontakte her zu anderen Eritreern in einer ähnlichen Situation, so dass sich Tesfaalem weniger alleine fühlte. «Wir telefonierten ab und zu miteinander und ich erhielt viele Karten mit unterstützenden Worten.»

Befreit und als Flüchtling anerkannt

Am 31. Juli 2015 wird Tesfaalem aus der Haft entlassen und für zwei Monate in einem Heim untergebracht. Im August muss der mittlerweile 28-Jährige erneut beim Friedensgericht vorstellig werden. «Die kantonale Migrationsbehörde wollte meinen Hausarrest verlängern; dies lehnte ich jedoch ab. Ich bin kein Straftäter und sollte nicht wie einer behandelt werden.»

18 Monate nach seiner Ankunft in der Schweiz, am 18. August 2015, läuft die Ausschaffungsfrist für Tesfaalem ab. Endlich darf der junge Eritreer wieder seinen N-Ausweis abholen und wird vom SEM vorgeladen, damit sein Asylantrag eingehend geprüft werden kann. «Das zweite Vorsprechen dauerte mehr als acht Stunden. Sechs Monate später, im Dezember 2016, erhielt ich den F-Ausweis und damit die vorläufige Aufnahme.» Gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ist er nun als Flüchtling anerkannt, erhält aber kein Asyl auf Grund einer Besonderheit des schweizerischen Asylsystems.

Auf dem Weg zur beruflichen Integration

Sofort macht sich Tesfaalem auf die Suche nach einer Lehrstelle. Er erhält zuerst viele Absagen, ist während mehreren Monaten von der Sozialhilfe abhängig und darf schliesslich ein einwöchiges Praktikum in seinem angestammten Beruf als Elektro-Installateur absolvieren. «Mein heutiger Arbeitgeber liess mich mehrere Eignungstests machen, jenen bei basic check wie auch jenen beim Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen.»Tesfaalem besteht alle Prüfungen mit Bravour und kann nun seine Ausbildung auswählen.

Im August 2017 beginnt er eine Lehre als Elektroinstallateur. «Dank der Arbeit erweitere ich meine Französischkenntnisse. Alle sechs Monate wechsle ich innerhalb der Firma das Team. Vorher arbeitete ich auf dem Gelände der ETH Lausanne und jetzt bin ich auf einer Baustelle in Vevey. Ich lerne neue Leute kennen und arbeite auch am Abend, weil ich jede Woche einen Bericht einreichen muss. Mein Französisch wird dadurch immer besser.»

Sorgen um die Zukunft

Bereits in Eritrea hat Tesfaalem den Beruf des Elektroinstallateurs erlernt. Sein Diplom wurde in der Schweiz jedoch nicht anerkannt und so musste er noch einmal von vorne anfangen. «Ich fühle mich jetzt in der Schweiz sicher und ich bin glücklich mit meiner aktuellen Lage», sagt Tesfaalem . «Was mich aber beunruhigt ist, dass ich die Schweiz vielleicht eines Tages wegen dem F-Ausweis verlassen muss. Mit einer vorläufigen Aufnahme ist es schwierig, sich zu entspannen und Pläne zu schmieden. Die Zukunft hier ist ungewiss.»

Die Ausbildung hilft dem angehenden Elektroinstallateur aber nicht nur, Sprache und Beruf zu perfektionieren. Er sagt, dass er sich dank seiner Arbeit auch von seinen seelischen Wunden erholen kann: «Ich habe schreckliche Dinge erlebt in Eritrea und auf der Flucht über das Mittelmeer. Die Arbeit lenkt mich ab. Ich muss mich auf spezifische Aufgaben konzentrieren und das erlaubt mir, nach vorne zu blicken.»