Geschichten des Ankommens – Basir Muradi – «Ich habe den Führerschein gemacht!»

Der junge Afghane Basir Muradi hat im Januar 2018 die Fahrprüfung bestanden. Jetzt möchte er gerne LKW-Fahrer werden. Nach schmerzhaften Verlusten und einer schwierigen Flucht steht Basir Muradi nun endlich einmal auf der Sonnenseite des Lebens.

Von Karin Mathys, Redaktorin SFH

Obwohl er erst 20 Jahre alt ist, hat Basir bereits viel Unglück erlebt. Mit 17 Jahren verlor er seine Liebsten und musste aus Afghanistan flüchten. «Eines Tages holte mich mein Onkel nachmittags in der Schule ab und begleitete mich nach Hause. Die Taliban hatten meine Eltern getötet, welche beide für die Regierung arbeiteten.» Auch seine beiden Schwestern wurden nicht verschont und erlitten das gleiche Schicksal.

Von den Erinnerungen übermannt, hält Basir für einen Moment inne, bevor er weiter erzählt. «Nach der Beerdigung floh ich gemeinsam mit meinem Onkel und seiner Familie. Wir durchquerten den Iran und Pakistan und gelangten in die Türkei nach Istanbul.» Keine Worte könnten je das Leiden des jungen Mannes beschreiben. Plötzlich, als sei es ein Geständnis, erzählt Basir, dass sein Onkel ihm zur Flucht nach Europa riet. Ganz allein. «Bei uns entscheidet das Familienoberhaupt, ich musste mich also fügen.» Von Istanbul aus reist er mit einem notdürftig zusammengebauten Boot nach Griechenland. Die Flucht geht weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn und führt ihn schliesslich in die Schweiz: «Am 28. Mai 2015 bin ich in der Schweiz angekommen. Ich war 18 Jahre alt.»

Bürgerkrieg ist kein Grund für Asylgewährung

Nachdem er sein Asylgesuch beim Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel eingereicht hatte, erhielt Basir den N-Ausweis (für Schutzsuchende im Asylverfahren) und wurde dem Kanton Waadt zugeteilt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) ging jedoch nicht auf sein Gesuch ein mit Verweis auf das Dublin-Abkommen. Es drohte ihm die Wegweisung nach Ungarn. Mehrere Monate wurde er durch das Collectif R, einer Bürgerbewegung in der Romandie welche sich für Flüchtlinge einsetzt, geschützt, bevor er erneut einen Asylantrag in der Schweiz einreichen konnte. Er wurde vom SEM vorgeladen, um seine Asylgründe während einer zweiten Anhörung eingehend darzulegen. Im März 2017 erhielt Basir den F-Ausweis für vorläufig aufgenommene Ausländer.

In der Schweiz gilt Bürgerkrieg nicht als Grund für die Asylgewährung. Personen, welche aus einem sich im Krieg befindenden Land stammen, wie beispielsweise Afghanistan, Syrien oder Somalia, erhalten entsprechend normalerweise den Status «vorläufig aufgenommen». Es ist ein temporärer Schutz, während dem die Betroffenen darauf warten müssen, dass sich die Situation in ihrem Herkunftsland verbessern sollte. «Afghanistan fehlt mir, aber mein Leben findet nun in der Schweiz statt», betont Basir, offensichtlich im Klaren darüber, wie seine Zukunft in der Schweiz aussehen wird. Die Situation in Afghanistan wird sich für die Zivilbevölkerung in den nächsten Jahren vermutlich kaum verbessern. Die Chance ist gross, dass Basir dauerhaft in der Schweiz bleiben wird, so wie die Mehrheit der vorläufig aufgenommenen Personen.

Die Perspektive einer Arbeit

«Heute sind alle digital mit einander verbunden. Der Kontakt mit den Arbeitgebenden findet meistens via E-Mail oder telefonisch statt. Mit dem F-Ausweis darf ich aber nicht einmal ein Telefonabonnement abschliessen», erklärt Basir. «Ich habe nicht die gleichen Chancen wie Menschen mit französischer Muttersprache, die ihre schulische Laufbahn lückenlos abgeschlossen haben. Das ist bei mir leider nicht der Fall. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in Afghanistan in der Nähe von Maimana und ich konnte die obligatorische Schulzeit wegen des Krieges nicht beenden. Ich habe keine richtige Ausbildung. In der Schweiz braucht es für eine Anstellung Diplome und man muss die französische oder deutsche Sprache beherrschen.»

Der junge Afghane hat sich schnell damit abgefunden, dass er wieder bei null anfangen muss. Seine Beharrlichkeit und Lernfähigkeit haben ihm geholfen, alles zu erreichen, was er sich bis jetzt zum Ziel gesetzt hat. Seinen Erfolgt verdankt er aber auch Céline. Basir hat sie in Lausanne in der Unterkunft St. Laurent kennen gelernt, als er noch damit rechnen musste, unter Berufung des Dublin-Abkommens wieder nach Ungarn weggewiesen zu werden. Dank seiner Patin konnte er Französischkurse besuchen und wurde in seiner beruflichen Integration von ihr beherzt unterstützt. Nach seinen Praktika als Pflegehelfer in einem Alters- und Pflegeheim und als Holzfäller durfte Basir einen Lastwagenfahrer während zwei Wochen begleiten. Dabei fand er seine Berufung. «Trotz den manchmal schwierigen Strassenverhältnissen hat mir diese Erfahrung sehr gut gefallen und ich würde das Lastwagenfahren gerne zu meinem Beruf machen. Als nächstes muss ich meine Fahrprüfung bestehen, damit ich überhaupt eine Chance auf eine Anstellung habe.»

Neben den Fahrstunden mit dem Fahrlehrer konnte Basir das Autofahren mit Céline und anderen Freunden üben. Es ist daher kaum überraschend, dass der junge Afghane am 16. Januar 2018 seine Fahrprüfung (Kategorie B) bestanden hat. Jetzt hofft er, dass er auch die Prüfung für die Lastkraftwagen (Kategorie C) absolvieren und bestehen kann, um sich seinen Traum zu erfüllen. Daneben hat er im Februar 2018 eine Lehre als Logistiker bei Sulser Group in Renens begonnen. Diese Ausbildung dauert für ihn ein Jahr und beinhaltet sowohl theoretische als auch praktische Aspekte.