Land in Sicht – Geschichten des Ankommens – Fanar und Abeer – «Mit dem F Ausweis ist es sogar verboten nach Deutschland und Frankreich zu reisen»

Fanar und Abeer Adam führten ein friedliches Leben in Syrien – bis dort der Krieg ausbrach. 2014 kamen sie mit ihren beiden Töchtern Aya und Ala in die Schweiz und wurden vorläufig aufgenommen (F-Ausweis). Vier Jahre später sind sie trotz ihrer Bemühungen um ein ausreichendes eigenes Einkommen noch immer auf Sozialhilfe angewiesen.

Von Karin Mathys, SFH-Redaktorin; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Die Familie Adam lebte in einem schönen Haus in der Nähe von al-Mabaadah im Norden Syriens. Fanar leitete ei Geschäft für Landwirtschaftsbedarf und seine Frau Abeer, die an der Universität von Aleppo studiert hat, unterrichtete Arabisch an einer Schule auf dem Land. 2012 fiel die al-Nusra-Front in die Stadt Tell Kotchek ein und raubte 300 Tonnen Dünger aus Fanars Geschäft. Einige Monate später erhielt Fanar Drohungen von der al-Nusra-Front; deren Mitglieder hatten unter Beschwerden gegen die Salafistengruppe seine Unterschrift entdeckt. Er beschloss, mit seiner Familie zu Verwandten in die Nähe von Latakia zu flüchten, einer Stadt am Mittelmeer im Westen des Landes. Dort konnten sie jedoch nicht lange bleiben: Wenige Monate später eroberten Al-Nusra-Kämpfer die Stadt und die Familie war erneut zur Flucht gezwungen. Im September 2013 verliess die Familie Syrien, um in einem Nachbarland Zuflucht zu suchen.

Das humanitäre Visum der Schweiz

Fanar, Abeer und ihre beiden kleinen Töchter im Alter von zwei und drei Jahren reisten zuerst nach Beirut und anschliessend nach Istanbul. «Der Libanon und die Türkei sind mit den Flüchtlingen überfordert. Sie können keine Sicherheit mehr bieten und es gibt keinerlei Zukunftsperspektive», erklärt Fanar. Somit blieb nur noch ein Ausweg: die Flucht nach Europa. Also unternahm die Familie die nötigen Schritte, um in die Schweiz zu gelangen, da dort bereits andere Familienmitglieder Zuflucht gefunden hatten: «Unser Antrag wurde in den Schweizer Botschaften in Istanbul und Beirut zuerst abgelehnt. Nach einem Rekurs und mit der Hilfe meiner Schwester, die in der Schweiz lebt, erhielten wir schliesslich humanitäre Visa», erzählt Fanar. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, legal und sicher nach Europa zu gelangen, ohne Gefahren auf sich nehmen zu müssen. Eine dieser Möglichkeiten ist das humanitäre Visum für Schutzsuchende; dieses wird jedoch nur sehr selten erteilt.

Am 15. April 2014 landete die Familie Adam auf Schweizer Boden. Sie stellte im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel ein Asylgesuch. Entgegen ihrem Antrag auf die Zuteilung in einen Kanton, wo bereits ihre Verwandten wohnen (Basel und Luzern), wurde die Familie dem Kanton Neuenburg zugewiesen. Am 16. Juni 2014 kamen Fanar, Abeer und ihre beiden Mädchen in La Chaux-de-Fonds an: «Ich war enttäuscht über diesen Entscheid. Es ist, als ob wir in zwei verschiedenen Ländern leben würden. Wir haben nicht das Geld, um unsere Verwandten zu besuchen. Wenn sie in der Nähe wären, würde uns das bei der Integration helfen», ist Fanar überzeugt. Seiner Meinung sollte sich die Verteilung von Asylsuchenden in der Schweiz in erster Linie nach Integrationskriterien richten.

Der F-Ausweis schränkt die Bewegungsfreiheit ein

Wenn sie eine B-Bewilligung erhalten hätten, wären sie in einen anderen Kanton gezogen. Doch die Schweizer Behörden haben anders entschieden. Im Dezember 2014 erhielten Fanar, Abeer, Aya und Ala den F-Ausweis (vorläufige Aufnahme). «Unsere Verwandten in Basel und Luzern haben eine B-Bewilligung erhalten. Wir haben die gleiche Geschichte, sind aus den gleichen Gründen geflüchtet und haben aber nicht die gleichen Rechte erhalten. Das ist ungerecht», meint Fanar, und seine Frau nickt zustimmend. Mit dem F-Ausweis ist es ihnen nicht möglich, den Kanton zu wechseln. Dieser wesentliche Nachteil für die gesellschaftliche und berufliche Integration von vorläufig Aufgenommen, wird aktuell im Parlament verhandelt.

Zudem kann Familie Adam nicht frei wählen, wo sie wohnt, solange sie auf Sozialhilfe angewiesen ist. «Unsere Wohnung liegt an einer stark befahrenen Strasse. Unsere Tochter hat wegen des Lärms Mühe mit dem Einschlafen und hat sogar Alpträume. Doch wir dürfen nicht umziehen», erklärt Abeer ratlos.

Mit dem F-Ausweis sind ihnen mit einigen wenigen Ausnahmen Reisen ins Ausland verboten. Nach dem Tod von Fanars Tante in Deutschland waren sie die einzigen der Familie, die nicht zur Beerdigung kommen konnten. «Das war schwierig für meinen Mann. Er und seine Tante standen sich sehr nah», so Abeer.

Der Weg bis zu einem Job ist lang

Der Status der vorläufigen Aufnahme und die damit verbundenen eingeschränkten Rechte schmälern die Chancen auf eine berufliche Integration von Fanar und Abeer deutlich. Bei ihrer Ankunft in der Schweiz waren sie extrem motiviert, eine Arbeit zu finden. «Der erste Schritt bestand darin, Französisch zu lernen, dann sollte ein Praktikum oder ein Beschäftigungsprogramm folgen», erzählt der junge Vater. So konnte er mit Freiwilligenarbeit, Praktika und Teilzeitarbeit Arbeitserfahrung in der Schweiz sammeln. Nachdem er seine Französischkenntnisse weiter verbessert hatte, arbeitete er als Freiwilliger in der Lebensmittelbranche und in der Gastronomie. Dann absolvierte er im Oktober 2017 ein dreimonatiges Praktikum in einer Eisenwarenhandlung in La Chaux-de-Fonds. Seine Arbeit wurde sehr geschätzt, sodass ihm sein Arbeitgeber eine 100 Prozent--Stelle anbot. Diese Chance auf ein festes Einkommen löste sich jedoch in Luft auf, da Fanar parallel bereits beim Service de la cohésion multiculturelle arbeitete und dachte, dass er seine Stelle nicht sofort kündigen dürfe[sfhgraf1] [OC2] . Abeer trat eine 30 Prozent-Stelle bei Coop in La Chaux-de-Fonds an. «Ich bin froh darüber, arbeiten zu können, doch der Lohn reicht nicht. Wir sind noch immer auf Sozialhilfe angewiesen», seufzt sie. «Mein Arbeitgeber zögerte wegen dem ‹vorläufig› in meinem Ausweis, ob er mich einstellen solle. Er befürchtete, dass ich bald nach Syrien zurückkehren würde», fügt sie hinzu.

Fanar und Abeer blicken in eine ungewisse Zukunft. Ihre Töchter, heute sechs und sieben Jahre alt, sind noch der einzige Grund, in der Schweiz zu bleiben. «Aya und Ala sind gut integriert und fleissig. Sie sind Klassenbeste. Für uns ist es schwieriger. Mit dem F-Ausweis werden uns Steine in den Weg gelegt. Wir dürfen nicht in eine andere Wohnung ziehen und die Schweiz nicht verlassen, und es ist sehr schwierig, Arbeit zu finden. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr haben wir den Eindruck, Rückschritte zu machen», seufzt Fanar.