Geschichten des Ankommens – Taha Yahya – Wenn Träume in der Not entstehen

Taha Yahya hat den schrecklichen Völkermord in Darfur, im Westen Sudans überlebt. Der junge Sudanese verbrachte seine halbe Kind- und Jugendzeit in einem Flüchtlingslager im benachbarten Tschad. Die Zustände dort veranlassten ihn zur Flucht – und zu seinem Traumberuf. Im Sommer beginnt er eine Lehre als Fachmann Gesundheit.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Print und Online Schweizerische Flüchtlingshilfe; Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL

Taha Yahya kommt aus Darfur im Westen Sudans und ist 1994 in einer grossen Stadt nahe der Grenze zu Tschad geboren. Seine Muttersprache ist Massalit, in der Schule hat er Arabisch gelernt. 2003 eskalierte der heute beinahe in Vergessenheit geratene schreckliche Konflikt in Darfur. Die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten der islamisch-fundamentalistisch orientierten sudanesischen Regierung, die mit den gefürchteten arabischen Milizen (den Dschandschawid) die nicht-arabisch-stämmigen Rebellengruppen aus dem Zentral- und Südsudan (der Sudan Liberation Army, SLA und dem Justice and Equality Movement, JEM) bekämpften. Unvorstellbare Gräueltaten an der Zivilbevölkerung kamen ans Licht. Der seit 1993 formelle Staatspräsident Omar Al-Bashir wurde 2008/2009 dafür vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag des Völkermordes, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Kriegsverbrechen im anhaltenden Darfur-Konflikt angeklagt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen einen Staatspräsidenten erlassen; doch bis heute reist Al-Bashir ungehindert in jenen Staaten ein und aus, die sich dagegen ausgesprochen hatten: die Volksrepublik China, Russland sowie die Mitgliedstaaten der Arabischen Liga und der Afrikanischen Union.

Taha Yahya flüchtete 2003 mit den Überlebenden seiner Familie in den Osten Tschads, in eines der zahlreichen Flüchtlingslager in einem der ärmsten Länder der Welt. Dieser Bürgerkrieg hat über 300’000 Menschen das Leben gekostet und über 2.5 Millionen Darfuris zu Flüchtlingen gemacht. Über 300’000 von ihnen leben bis heute in den 12 Flüchtlingscamps im Osten Tschads nahe der sudanesischen Grenze. Sie werden geduldet, fristen jedoch ein Leben in Armut und Perspektivenlosigkeit. Vielen steckt noch immer die Angst in den Knochen, entführt zu werden. Dürre, Hitze und Wasserknappheit führen zu Unterernährung und Krankheiten. Die hygienischen Zustände verschlimmern den Lebensalltag. Taha Yahya: «Viele Flüchtlinge dort sind sehr krank und unterernährt. Sie werden kaum medizinisch versorgt. Man hilft sich einfach gegenseitig. Dort ist in mir der Wunsch gereift, Arzt zu werden.»

Wörter aufschnappen

Der heute 24jährige mag nicht viel von dieser Zeit in Tschad erzählen, ebenso wenig über seine Kindheit in Darfur. Lieber blickt er in die Zukunft: «Am 26. Januar 2018 beginne ich den Pflegehelfer-Kurs beim Schweizerischen Roten Kreuz», strahlt er. «Das dauert zwei Monate, danach mache ich ein Praktikum in der Krankenpflege. Im August 2018 fange ich bei der Spitex Ostermundigen meine dreijährige Ausbildung zum Fachmann Gesundheit an.» Inzwischen hat er den SRK-Kurs erfolgreich bestanden und bei der Spitex Ostermundigen. ein Praktikum absolviert.

Taha Yahya, erst seit drei Jahren in der Schweiz, erzählt über seine berufliche Integration in lebendiger Sprache. Neben ihm liegt ein kleines Heft, in der Hand hält er einen Bleistift bereit. Bei jeder Gelegenheit notiert er dort neue Wörter, um am Schluss des Gesprächs höflich nach deren Bedeutung zu fragen. «Ich schnappe alles auf», lacht er über den neu erlernten Ausdruck. Das Sprachdiplom B1 hat er vor zwei Monaten erreicht, jetzt peilt er bis Ende Juli 2018 das Sprachniveau B2 an. Denn dieses ist ebenso wie das Praktikum eine Voraussetzung für die Lehre Fachmann Gesundheit für die er so gekämpft hat. Aber der Reihe nach.

Misstrauische Städter, freundliche Landbewohner

Mit 21 Jahren flüchtete Taha Yahya zum zweiten Mal in seinem jungen Leben. Dieses Mal allerdings alleine durch die libysche Wüste und dann über das Mittelmeer bis nach Sizilien. «Ich gehöre zu jenen, die das überlebt haben», sagt er knapp dazu. Im Sommer 2015 erreichte er zusammen mit zahlreichen anderen Schutzsuchenden im Zug die Schweizer Grenze in Chiasso. «Die Schweizer Grenzwächter haben uns gefragt, ob wir in der Schweiz einen Asylantrag stellen wollen», erzählt er. «Doch wir glaubten zuerst nicht, dass wir in der Schweiz sind.» Sie wurden in das Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ in Chiasso gebracht. Drei Tage später kam der Transfer ins EVZ Basel, Chiasso war zu dieser Zeit überlastet. Taha Yahya bekam eine Karte, ein Zugticket und den Hinweis, dass er in Zürich umsteigen müsse. «In dieser grossen Stadt schienen alle Leute Angst vor uns zu haben. Jeden, den wir etwas fragen wollten, wich uns aus, lief weiter, schien uns nicht zu hören. Schliesslich brachte uns ein Afrikaner bis zum richtigen Gleis.» Auf dem Land habe er andere Erfahrungen gemacht, erzählt Taha Yahya. Nach der ersten Anhörung in Basel wurde er dem Kanton Bern zugeteilt. Diesmal führte ihn der Transfer ins Berner Seeland in die Kollektivunterkunft Eschenhof in Gampelen. Wieder wurden er und die weiteren dem Kanton Bern zugeteilten Asylsuchenden mit Karte und Zugticket ausgerüstet. Am Bahnhof in Gampelen fragten sie nach der Kollektivunterkunft Eschenhof. Diese befinde sich etwas ausserhalb des Dorfes, wurde ihnen mitgeteilt. «Es war Hochsommer, Nachmittag, sehr heiss und wir setzten uns für einen Moment in den Schatten eines Baumes, wie man das um diese Tageszeit in meiner afrikanischen Heimat tut», erzählt der angehende Fachmann Gesundheit. Eine Frau habe sie freundlich auf Englisch angesprochen und gefragt, ob sie helfen können. «Ich war so erstaunt nach dieser Erfahrung in Zürich. Diese nette Frau fuhr uns schliesslich mit ihrem Auto zur Unterkunft.»

Mit dem Fahrrad der Isolation entkommen

Der Eschenhof liegt ein paar Kilometer ausserhalb des Dorfes, einen Fussmarsch von einer guten halben Stunde. Mit dem Fahrrad dauert es eine Viertelstunde. Taha Yahya wusste damals kaum etwas über das Leben in Europa, über die Schweiz und den Alltag der Menschen hier. Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen, Deutsch lernen, sich in was, wo und wie integrieren? 180 Personen aus den unterschiedlichsten Ländern waren während seines zweijährigen Aufenthalts im Eschenhof untergebraucht. Er fand Anschluss bei den Somaliern, lernte einen Sudanesen kennen, der über ein zweites Fahrrad verfügte. «Ich musste das Velofahren sofort lernen. Anders konnte man sich dort nicht bewegen, vor allem wenn man einen Kurs oder eine Verpflichtung in Bern hatte», erzählt er. Das ging nicht ganz sturzfrei, aber es gelang ihm schliesslich ganz gut. Heute gehört das Velo zu seiner Grundausstattung.

Knapp zwei Jahre, von August 2015 bis Mai 2017 lebte Taha Yahya in dieser multikulturellen Schicksalsgemeinschaft im Berner Seeland. «Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Sprachen gehört wie im Eschenhof», findet er rückblickend. «Aber man ist halt schon sehr isoliert dort oben. Es gab kein Internet, man konnte kaum weg von dort. Wollte man in Biel einen Kurs belegen, wurde das zeitlich immer sehr knapp, weil die Unterkunft um 22 Uhr schliesst. Auch finanziell hat es Nachteile, denn die günstige ÖV-Karte Gleis 7 gilt erst ab sieben Uhr abends.» Er habe sich beim Amt für Migration deswegen beschwert und wünschte sich einen Unterkunftswechsel. «Ich habe das nicht verstehen können, warum ein Wechsel schon nur in eine andere Gemeinde im gleichen Kanton so schwierig ist und kaum erlaubt wird.» Im Schweizer Asylsystem werden Asylsuchende nach der ersten Anhörung vom Bund nach einem prozentualen Verteilschlüssel den Kantonen zugeteilt, welche für Unterkunft und Integration zuständig sind und dafür finanziell entschädigt werden. Das ist mit ein Grund, weshalb die Integrationsprozesse kantonal recht unterschiedlich verlaufen. Taha Yahya besuchte in Biel einen Deutschkurs, fand dann ein Beschäftigungsprogramm in der Stadt Bern und wollte den Deutschkurs dort fortsetzen. «Dies hat schliesslich nur geklappt, weil sich die Lehrkräfte bei den Asylbehörden für mich eingesetzt haben», sagt er.

Rasche Integration dank Wohngemeinschaft

Nach der 2. Anhörung erhielt Taha Yahya im November 2016 den F-Ausweis. «Ich habe mich gefreut, dass ich relativ schnell einen Entscheid bekam. Doch warum mein Asylgesuch abgelehnt worden ist und ich nur vorläufig bleiben darf, ist mir nicht klar», sagt er dazu. Inzwischen hatte sich der junge Mann dank seinem Mut und seinem klaren beruflichen Ziel vor Augen einen Freundeskreis aufgebaut. «Nach zwei Jahren habe ich es begriffen: Die Sprache ist der Schlüssel für eine Lehre oder ein Studium und damit für ein unabhängiges Leben mit sicherem Aufenthalt», sagt Taha Yahya bestimmt. Er lächelt dabei freundlich, wählt die Worte mit Höflichkeit aus, doch Augen und Gesichtsausdruck blicken ernst: «Dafür muss man sich oft wehren und darf nicht aufgeben.» Unterstützung fand er bei engagierten jungen Menschen, die seit Jahren als Autonome Schule in Zürich und in Bern unter dem Namen «Denk:mal» Sprach- und Freizeitangebote kostenlos und niederschwellig zugänglich anbieten. Ab Sommer 2017 fand er durch dieses Netzwerk auch ein Zimmer, seit Januar 2018 ist er stolzer Besitzer eines Wohnvertrags.

Mit dem F-Ausweis lernen jene Schutzsuchende, die Sozialhilfegeld beziehen, das System der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV kennen. Für Taha Yahla war hierfür die Gemeinde Biel zuständig. Doch sein Lebenszentrum spielte sich mehr und mehr in der Stadt Bern ab. Beim kirchlichen Kompetenzzentrum für Flüchtlingsfragen KFF fand er ein Beschäftigungsprogramm für fünf Monate: Sprachlich noch weniger gewandt als heute, wurde er dort trotzdem im Telefondienst eingesetzt und erledigte administrative Arbeiten wie zum Beispiel die Auswertung und die Kontrolle der Stempelkarten. Dass er daran teilnehmen konnte, gelang jedoch nur, weil sich die Mitarbeitenden des KFFs unermüdlich für ihn einsetzten und er selber zäh und beharrlich den aufwändigen Arbeitsweg und die Kosten dafür nicht scheute. Er stand jeden Tag um sechs Uhr auf, um rechtzeitig um zehn vor acht im Büro in Bern zu sein. Um zehn nach zwölf eilte er zum Bahnhof, nahm den Zug nach Biel um halb eins, denn der Sprachkurs dort begann um halb zwei Uhr und dauerte bis halb fünf Uhr. Das reichte ihm gerade für den Fünf-Uhr-Zug von Biel nach Ins. Von dort radelte er zum Eschenhof, kochte Abendessen und machte Hausaufgaben. Eine schwierige Zeit war das, denn die zuständige Person im RAV war mit dem Beschäftigungsprogramm in Bern nicht einverstanden, weil es nur befristet war. Auch seine Unterkunftspläne stiessen nicht auf Gegenliebe. «Mir fehlte im Eschenhof die Ruhe für die Hausaufgaben und der Schlaf», erzählt Taha Yahya. «Ich wollte unbedingt in dieses Zimmer in Bern ziehen, ich wusste, das würde mir wirklich helfen. Gott-sei-dank haben sich meine Mitbewohner und das KFF-Team stark für mich eingesetzt.»

Der Weg zum Traumberuf

Im November 2017 besuchte Taha Yahya eine Informationsveranstaltung zum Thema Gesundheit im Lindenhofspital. Dort wagte er es, eine Frau anzusprechen und sich vorzustellen: «Guten Tag, sagte ich, ich bin Taha Yahya, ich interessiere mich sehr für den Pflegeberuf, aber ich habe keine Erfahrung damit. Gerne würde ich eine Ausbildung machen. Können Sie mir etwas empfehlen?», erzählt er. Die Angesprochene arbeitet als Pflegefachfrau bei der Spitex Ostermundigen, gab ihm die Adresse und riet ihm zu einem Schnuppertag. Er solle seinen Traumberuf noch etwas besser kennenlernen, meinte sie. Natürlich rief Taha Yahya an und organisierte sich noch im November drei Schnuppertage. «Sie waren zufrieden mit mir und meiner Arbeit und sagten, ich könne gut mit den Klienten umgehen», erzählt er. Zwei Führungskräfte wünschten ein weiteres Gespräch mit ihm und wollten genau wissen, warum er eine Lehre als Fachmann Gesundheit anstrebt: «Ich sagte, weil ich gerne mit Menschen arbeiten möchte und jenen helfen möchte, die Hilfe brauchen. Ich habe schon als Kind so viele Menschen sterben sehen und es ist für mich sehr wichtig, dass ich mit diesem Beruf mein Ziel erreichen kann, Menschen zu helfen. Es ist seit meiner Kindheit wirklich mein Traumberuf.» Sie sagten, dass er in drei Wochen Bescheid bekäme. Nach drei Wochen luden sie ihn noch einmal zu einer Schnupperwoche ein. Dann kam die Zusage. Manchmal werden Träume einfach wahr, manchmal muss man dafür etwas nachhelfen, manchmal auch so wie Taha Yahya richtig darum kämpfen.