Geschichten des Ankommens – Tenzin Jorden – Im Provisorium, aber mit sicherer Lehrstelle

Als Tenzin Jorden 2011 in die Schweiz kam, war er 17 Jahre alt. Seine berufliche Integration verlief nicht gradlinig. Doch nun wäscht, pflegt, färbt, schneidet und föhnt er begeistert, seit bald einem Jahr, Haare und Bärte unter kundiger Anleitung seiner Lehrmeister. Bis heute wird dem angehenden Friseur aus dem Tibet nur eine vorläufige Aufnahme gewährt.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH, Bilder: Stephan Hermann / COUPDOEIL; Barbara Graf, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

Tenzin Jorden ist 1994 in Tibet geboren. 2007 flüchtete er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Nepal und lebte dort knapp fünf Monate in einem Flüchtlingslager. Das Leben war schwierig, die Familie reiste nach Indien weiter. «Mein Vater ist schon früher über Taiwan in die Schweiz geflüchtet und hat mich über den Familiennachzug in die Schweiz geholt», erzählt Tenzin Jorden. In der Schweiz angekommen, deponierte der junge Mann 2011 im Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ Basel einen Asylantrag. Das müssen auch Schutzsuchende tun, die wegen Familiennachzug mit einem Visum in die Schweiz einreisen können. Weil Tenzin Jorden damals noch minderjährig war, konnte er von Beginn weg bei seinem Vater wohnen und musste nicht im EVZ bleiben.

Berufswahl kann überfordern

Nun galt es erst einmal Deutsch zu lernen und sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Er besuchte zwei Jahre das Zentrum für Brückenangebote des Kantons Basel-Stadt. Dieses Angebot richtet sich an Jugendliche oder junge Erwachsene, die nach der obligatorischen Schulzeit noch keine Lehrstelle, Aus- oder Weiterbildung gefunden haben und Unterstützung brauchen. Mit 19 Jahren absolvierte er ein Jahr lang im Rahmen dieses Brückenangebots eine Vorlehre. Zwei Tage die Woche besuchte er die Schule, drei Tage waren für Praktika reserviert. Diese Vorlehre ermöglicht anschliessend eine Ausbildung im Verkauf, im administrativen oder im kaufmännischen Bereich. «Doch ehrlich gesagt, ich konnte mir so etwas beruflich nicht wirklich vorstellen», sagt Tenzin Jorden rückblickend. «In diesem Alter ist es schwierig, sich wirklich für etwas entscheiden zu können. Ich kannte damals auch die Sprache und die Gesellschaft noch nicht gut.»

Er suchte nach weiteren Möglichkeiten und wollte beruflich in der Kinderbetreuung Fuss fassen. In einer Kindertagesstätte konnte er ein halbes Jahr ein Motivationspraktikum machen. «Das war super, die Arbeit gefiel mir sehr gut», erzählt er. Auch an seinem jetzigen Arbeitsplatz, einem Coiffure-Salon im Herzen Basels, gelingt Tenzin Jorden der Umgang mit Kindern gut. «Gerade gestern kam eine Kundin mit ihrem Sohn vorbei, ein eher misstrauisches Kind», erzählt sein Arbeitgeber Bernie Reichenstein. «Tenzin Jorden hatte sofort einen guten Draht zu diesem Jungen und spielte mit ihm, während ich die Kundin ungestört bedienen konnte.» Tenzin Jorden setzte sich intensiv mit den Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Kleinkindererziehung auseinander. Für diesen Lehrgang braucht es sehr gute Sprachkenntnisse. Im theoretischen Teil müssen sich die Lernenden durch die Pädagogik-Literatur arbeiten, viel lesen und schreiben. «Das hätte ich damals kaum geschafft, meine Sprachkenntnisse waren noch nicht so fortgeschritten», erklärt der junge Mann selbstkritisch. «Dazu kommt, dass diese Lehre vier Jahre dauert. Und wenn ich es dann doch nicht geschafft hätte, nach vier Jahren, was dann?»
Also doch in die Verkaufsbranche? «Ich machte dann ein Jahr eine Lehre bei Coop als Detailhandelsassistent. Die Lehre ist vielseitig und man wird in allen Abteilungen eingesetzt. In der Berufskunde stehen die Lebensmittel im Vordergrund und das war wieder weniger mein Ding», erzählt der begeisterte Basketballer und Urban-Dancer und fügt ehrlich hinzu: «Ich habe gespürt, da werde ich nicht glücklich.»

Faszination Friseur

Doch mittlerweile war er über 20 Jahre alt. In vielen Bereichen verringert sich die Chance mit jedem Altersjahr, eine Lehrstelle zu bekommen. Das war Tenzin Jorden damals nicht bewusst. Er meldete sich beim «Gap, Case Management Berufsbildung» GAP. GAP berät junge Menschen, die den Anschluss ins Berufsleben noch nicht gefunden haben und wegen des Alters oder mangelnden Vorkenntnissen oder knappen Schulabschluss-Leistungen beruflich durch die Maschen zu fallen drohen. «Ich hatte Glück, weil ich über das GAP zu einer guten Beraterin kam. Diese Frau hat mir sehr geholfen, sie hat mir viele neue Perspektiven gezeigt». Die Beraterin unterstützte ihn bei der Suche nach möglichen Lehrstellen. Bewerbungsschreiben für eine Schnupperwoche und die anschliessenden Telefone aber musste er selber machen.

«Ich dachte immer, Coiffeur sei ein Frauenberuf. Erst durch die Beraterin habe ich erfahren, dass es viele männliche Friseure gibt, Man pflegt und schneidet ja auch die Bärte», lacht er. Siebenmal bewarb er sich um eine Schnupperlehre bei einem Coiffure. Dreimal erhielt er Antwort und einmal klappte es mit einer Schnupperwoche. «Das war im Juli 2017 hier an meinem Arbeitsplatz. Da war ich schon 22 Jahre alt», sagt er und strahlt: «Aber es hat geklappt und es gefällt mir sehr. Ich mag die Kreativität dieses Berufs, den Kundenkontakt und auch die Berufskunde in der Schule finde ich interessant.» Er schmunzelt und meint, dass die Beschaffenheit von Haaren für ihn spannender sei als Lebensmittel. Seine Lehrmeister, Bernie Reichenstein und Vito Geering, kennen ihn nun bald ein Jahr: «Wichtig ist uns, dass die Lehrlinge und Lehrtöchter lernen wollen, interessiert sind und einen guten Umgang haben, einfach anständig sind. All das bringt Tenzin Jorden mit. Wir sind beide viel und weit gereist, haben die Vielfalt dieser Welt schon in jungen Jahren kennen- und schätzen gelernt. Für uns spielt die Herkunft eines Menschen keine Rolle.»

Verschärfte Praxis belastet viele Tibeter

Soweit so gut, bald schon hat Tenzin Jorden das erste Lehrjahr gemeistert. Das liegt ganz in seiner Hand. Wie es allerdings mit seinem Aufenthaltsrecht in der Schweiz weiter geht, darauf kann er kaum Einfluss nehmen. Über 50 Jahre lang waren Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz willkommene Flüchtlinge, die mit einer raschen Anerkennung rechnen durften. Doch aktuell erhalten viele nur eine vorläufige Aufnahme, insbesondere dann, wenn sie aus dem Exil geflüchtet sind.